Schlafende Venus mit Amor



Schlafende Venus mit Amor


Inventar Nr.: 1875/1626 (SM 1.1.772)
Bezeichnung: Schlafende Venus mit Amor
Künstler: Wilhelm Böttner (1752 - 1805)
Datierung: 1789
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand
Maße: 94 x 160 cm (Bildmaß)
Provenienz:

1792 Schloss Weißenstein, Erdgeschoss, Schlafzimmer

1805 u. 1815 Schloss Wilhelmshöhe, Weißensteinflügel, Erdgeschoss, Schlafzimmer

Beschriftungen: Signatur: bez. u.l. (auf dem Stein): W. Böttner. pinx. 1789.
Beschriftung: verso auf dem Keilrahmen Klebezettel: Gem.Katal. 10865; Klebezettel: Schloß Wilhelmshöhe, Zimmer, Nr.44; mit Bleistift: 32


Katalogtext:
Es gehörte zu den alltäglichen Aufgaben des Hofmalers, Historienbilder für die Ausstattung der Schlösser zu malen. In dem 1792 erschienenen, mehrfach aufgelegten Reiseführer »Cassel und die umliegende Gegend« von David von Apell wird Böttners »Schlafende Venus« in einem »äußerst prächtigen Schlafzimmer« im Erdgeschoss von Schloss Weißenstein – wie das damals noch im Bau befindliche Schloss Wilhelmshöhe bis 1798 hieß – aufgeführt: »Das fürstliche Bett stehet in einem Alkoven, der durch zwo gereifte Säulen von dem Zimmer selbst abgesondert ist. In diesem hängen verschiedene Portraits und eine schlafende Venus von dem jetzigen Hofmaler und Professor Böttner« (Apell 1792, S. 105). Die landgräflichen Gemächer – einschließlich der Schlafzimmer – dienten als Ort der öffentlichen Repräsentation und konnten, je nach Stand und Interesse des Besuchers, entweder bei der allwöchentlich stattfindenden Cour, zu der man eingeladen sein musste, oder mit einem Kustoden besichtigt werden.
Einen Anstoß für das Sujet wird die berühmte »Schlummernde Venus« von Giorgione (1477/78-1510) gegeben haben, die Böttner allerdings bei seinem Besuch in der Dresdener Gemäldegalerie mit Johann August Nahl d. J. im Jahr 1781 nicht gesehen haben dürfte, da sie nicht ausgestellt war. Verbreitet waren aber zahlreiche Nachstiche. Ein Kupferstich nach Tizians Venus aus den Florentiner Uffizien, die in unmittelbarer Nachfolge von Giorgiones Venus steht, ist in Böttners Nachlass von 1806 verzeichnet, ebenso ein Stich nach dessen »Danae« (Nr. 83 c, d).
Eingebunden in eine weitläufige Hügellandschaft mit dunklen, rosa gefärbten Wolken liegt Böttners Venus wie bei den Vorbildern im Freien, ihr ebenmäßiger Körper wird wie dort durch ein rotes und ein weißes Tuch hervorgehoben. Anders als Giorgione und Tizian hat Böttner die Ruhestätte der Venus detailliert beschrieben und Elemente aus dem allegorischen Bildrepertoire der Venusikonographie eingebaut, so den Rosenbusch und die beiden auf einem Ast sitzenden Tauben, die miteinander turteln. Seit dem frühen Christentum wurde das Motiv der turtelnden Tauben als Symbol unverbrüchlicher Treue und Liebe verwendet.
Venus ruht auf dem Rücken ausgestreckt in einer Waldlichtung, am Fuß eines Baumstamms mit Gräsern, Klee und anderen Wiesenkräutern. Schlafend neben ihr liegt Amor, den Kopf auf ihren rechten Oberschenkel gestützt. Der warme Farbton des Inkarnats beider Figuren wird durch das weiße Tuch, auf dem die Göttin liegt, und den roten und blauen Stoff unter ihrem Kopf und den Beinen noch gesteigert. Er hebt die Figuren besonders hervor und setzt sie deutlich von dem grün-braunen Kolorit der Landschaft ab.
Im Vergleich mit Giorgiones und Tizians Venus hat Böttner den Körper der Göttin stärker in sich gedreht, nicht den rechten Arm, sondern den linken über ihren Kopf gelegt und damit die seit Giorgione typenbildende Körperhaltung aufgegeben. Bei Böttner erinnert die Haltung der Arme an die »Venus mit Amor« von Nicolas Poussin aus der Dresdener Gemäldegalerie. Noch stärkere formale Ähnlichkeiten zur Körperhaltung von Böttners Venus weist die »Schlafende Bacchantin« von Gérard de Lairesse auf (Bremen, Kunsthalle, Inv. Nr. 70-1863), von dessen Gemälde sich eine kleinere Variante in der Sammlung Lebrun in Paris befand. Die schlafende Bacchantin von Lairesse liegt ganz ähnlich wie Böttners Venus auf dem Rücken leicht nach rechts gedreht, hat den linken Arm über den Kopf geschoben und den rechten zur Seite gestreckt. Auch ihre Beinstellung stimmt mit Böttners Venus weitgehend überein. Böttner kann die Sammlung Lebrun von seinen Parisaufenthalten gekannt haben. Dass er sich mit Werken von Lairesse beschäftigt hat, belegt sein Nachlassverzeichnis, in dem sich mehrere Kupferstiche nach Gemälden dieses Künstlers finden (Nr. 40). Landgraf Wilhelm VIII. hatte zudem um 1749/50 zwei Historienbilder von Lairesse für die Kasseler Gemäldesammlung erworben.
Böttner hat das Sujet ›Venus und Amor‹ in mehreren Gemälden und Vorzeichnungen in unterschiedlichen Szenen durchgespielt. Eine Version von 1790 kommt dem vorliegenden Gemälde recht nahe, auch im Format. Dort steht Amor zu Füßen der Venus und tritt das Schleifrad, um seinen Pfeil daran zu schärfen (VSG, Weißensteinflügel, Inv. Nr. 1.1.822). In den Beständen der Graphischen Sammlung der Staatlichen Museen Kassel findet sich ein Blatt (Inv. Nr. GS 1980/57), auf dem Böttner mit Bleistift und Feder mehrmals skizziert hat, wie Venus ihrem Sohn den Bogen wegzunehmen sucht. In der unteren rechten Ecke dieses Blattes sind die beiden auch schlafend dargestellt. Venus hat dort – anders als im vorliegenden Gemälde – den linken Arm auf den Oberschenkel gelegt und hält den Bogen Amors in der Hand. Möglicherweise bezieht sich die Zeichnung aber auch auf eine andere Version einer schlafenden Venus mit Amor, deren Verbleib heute unbekannt ist. Dass es sich bei dem von Justi (S. 297, Nr. 7) und Strieder (S. 56, Nr. 6) angeführten Gemälde um das vorliegende handelt, kann man deswegen vermuten, weil die andere schlafende Venus, die von Böttner bekannt ist, erst 1797 entstanden ist, als Justis Artikel bereits publiziert war. In dem 1816 von Ernst Friedrich Robert begonnenen Gemäldeinventar ist eine schlafende Venus mit Amor angeführt (Nr. 1469), deren Maße mit dem vorliegenden Gemälde zwar nicht genau übereinstimmen, die aber trotzdem im 1875 begonnenen Inventar mit dieser Version gleichgesetzt wurde.


Archivalien:
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand [zusammengestellt von]: Verzeichniß der Gemälde auf Wilhelmshöhe im Kurfürstl. Schloß daselbst. 1815, Nr. 41.
Literatur:
  • Apell, David von: Cassel und die umliegende Gegend. Eine Skizze für Reisende. Kassel 1792, S. 105.
  • Justi, Karl Wilhelm: Wilhelm Böttner und Johann August Nahl. In: Meusel, Neue Miscellaneen (1796), S. 290-305, Kat.Nr. 7, S. 297.
  • Döring, Wilhelm: Beschreibung des Kurfürstlichen Landsitzes Wilhelmshöhe bey Cassel. Kassel 1804, S. 21.
  • Apell, David von: Cassel in historisch-topographischer Hinsicht. Nebst einer Geschichte und Beschreibung von Wilhelmshöhe und seinen Anlagen. Marburg 1805, S. 36 (Teil2).
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 870.
  • Strieder, Friedrich Wilhelm: Grundlagen zu einer Hessischen Gelehrten und Schriftsteller Geschichte seit der Reformation bis auf gegenwärtige Zeit., Kat.Nr. 6, S. 56.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, Kat.Nr. 1030.
  • Berrer, J. W.: Wilhelm Böttner. In: Monatshefte für die Kunstwissenschaft (1920), S. 154-165, S. 162.
  • Hornig, Christian: Giorgiones Spätwerk. München 1987, S. 225-227.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 4, S. 20-21.


Letzte Aktualisierung: 07.09.2017


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