Ein Gelehrter vor seinem Pult



Ein Gelehrter vor seinem Pult


Inventar Nr.: GK 640 (1875/656)
Bezeichnung: Ein Gelehrter vor seinem Pult
Künstler: Justus Juncker (1703 - 1767)
Datierung: um 1754/1756
Geogr. Bezug: Frankruft/Main
Material / Technik: Eichenholz
Maße: 50,5 x 42,8 cm (Bildmaß)
Provenienz:

1783 u. 1805 Residenzschloss

1807-1815 Musée Napoléon, Paris

1830 Schloss Wilhelmshöhe

1863 Schloss Bellevue

1877 Neue Gemäldegalerie

Beschriftungen: Signatur: bez. Mitte l. (am Pult): Juncker
Beschriftung: u.l.: rote Nr.: 1005
Beschriftung: verso Siegel: Directeur Gen. des Musées Ptolomée Napoleon


Katalogtext:
In Anlehnung an die reiche Bildtradition Lesender und Schreibender im Gehäus ist ein Gelehrter in seiner Studierstube dargestellt. In einem hohen Zimmer mit einem Fenster sitzt er dem Betrachter gegenüber an einem Tisch. Vor ihm auf dem flachen Lesepult liegt ein aufgeschlagenes Schriftstück, auf das er den rechten, leicht erhobenen Arm stützt, während er den linken in die Seite gestemmt hat. Juncker hat dem Gelehrten einen versunkenen, nachdenklichen Gesichtsausdruck verliehen. Mit großer Sorgfalt hat er einzelne Details wiedergegeben, so insbesondere bei den fein gemalten Gegenständen auf dem Tisch, die wie ein holländisches Bücherstillleben anmuten und den Mann als Gelehrten ausweisen: Auf der schweren, dunkelroten Tischdecke mit den braunen und blauen Ornamenten liegen Stapel mit Büchern, eine Schriftrolle, ein zerknitterter Brief mit einem roten Siegel, ein Tintenfass und eine schwarze Dose. Der Gelehrte, der sich nicht identifizieren lässt, trägt offenes, auf die Schulter fallendes weißes Haar. Der graublaue, mit hellbraunem Pelz gefütterte Hausrock, die wenig sichtbare rote Weste und die dunklen Beinkleider setzen ihn kaum vom tonigen Kolorit seiner Umgebung ab. Das von links durch das Fenster einfallende Tageslicht hebt seine Stirn gleichsam als Zentrum geistiger Arbeit hervor. Auf dem Fenstersims liegen ein weiteres in Leder gebundenes Buch, marmoriertes Papier, eine Flasche und eine Holzdose. Die Uhr an der Rückwand der Studierklause, die aus zwei Zifferblättern und mehreren Sanduhren besteht, ist der Vergänglichkeitsrhetorik der holländischen Vorbilder entlehnt.
Juncker hat Mitte der 1750er Jahre mehrere, recht unterschiedliche Gelehrtendarstellungen gemalt, darunter die Version von 1751 aus dem Frankfurter Goethe-Museum (Inv. Nr. IV/347), die von 1754 im Frankfurter Städel (Inv. Nr. 616) und die von 1756 in Augsburg (Städtische Kunstsammlungen, Inv. Nr. 12401). Im Kasseler Gemäldekatalog von 1783 werden drei weitere, heute verschollene Gemälde dieses Typus angeführt: »Ein Laborant in seiner Schreibstube«, »Ein Chymist in seiner Arbeitsstube« und »Ein Gelehrter mit einem Zirkel in der Hand« (Kat. Kassel 1783, S. 222f., Nr. 127-131).
Holländische Vorbilder für diesen Bildtypus waren Juncker nicht allein durch Reproduktionsgraphiken bekannt, sondern auch durch die Frankfurter Privatsammlungen und den äußerst lebendigen Kunstmarkt in der Messestadt. Juncker war wie viele andere Maler in Frankfurt auch selbst im Kunsthandel tätig und führte 1763 zusammen mit dem Handelsmann Johann Christian Kallert eine Auktion mit holländischen und flämischen Meistern durch. Goethes Jugendfreund, der hessen-homburgische Hofrat Heinrich Sebastian Hüsgen (1745-1807), dem wir die meisten Nachrichten über die Frankfurter Künstler und Sammler verdanken, erklärte die Werke des Haarlemer Genremalers Thomas Wyck (um 1620-1677) zu Junckers zentralen künstlerischen Vorbildern: »[...] er hatte Gelegenheit, die schönsten Arbeiten des Thomas Wyck in dem ehemaligen Cabinet des seel. Baron Heckel hier zu sehen, und wählte sich dahero diese zu seinen Vorbildern [...]« (Hüsgen 1790, S. 343). Hüsgens Verweis auf Wyck geht auf den Kunstgelehrten und Sammler Christian Ludwig Hagedorn zurück, der in seiner in Briefform verfassten Abhandlung »Lettre à un amateur de la Peinture [...]« von 1755 Junckers Interieurs und Küchenstillleben als »etwa im Geschmack von Thomas Wyck« charakterisiert hatte. Es sind aber weniger die einzelnen Motive als vielmehr der Bildtypus, der Wycks Alchimisten- und Gelehrtendarstellungen mit Junckers Gemälden verbindet. Anders als in Junckers wohlgeordneten Studierstuben sind Wycks Innenräume mit Accessoires überladen und vermitteln in ihrem Chaos eine andere, negativ besetzte Bedeutung von Alchimie und Gelehrtentum. Eher deutet Junckers »Gelehrter« auf die Kenntnis der Gelehrtendarstellungen und Interieurszenen von Johannes Vermeer (1632-1675) und Gerrit Dou (1613-1675) hin.


Literatur:
  • Hagedorn, Christian Ludwig: Lettre à un Amateur de la Peinture. Dresden 1755, S. 250.
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, Kat.Nr. 128, S. 222.
  • Apell, David von: Cassel in historisch-topographischer Hinsicht. Nebst einer Geschichte und Beschreibung von Wilhelmshöhe und seinen Anlagen. Marburg 1805, S. 120 (Teil 1).
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 699, S. 114.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, Kat.Nr. 819, S. 135.
  • Parthey, Gustav: Deutscher Bildersaal. Verzeichnis der in Deutschland vorhandenen Ölbilder verstorbener Maler aller Schulen. Berlin 1863/64, Kat.Nr. 10, S. 649 (Bd. 1).
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 605, S. 361.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 640, S. 34.
  • Hamann, Richard: Die deutsche Malerei vom Rokoko bis zum Expressionismus. Leipzig 1925, S. 32.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 640, S. 40.
  • Vom Rokoko zur Romantik. Kassel 1946, Kat.Nr. 48, S. 8.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 640, S. 80.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 72, S. 95-96.


Letzte Aktualisierung: 26.09.2017


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