Olint und Sophronia auf dem Scheiterhaufen, Skizze



Olint und Sophronia auf dem Scheiterhaufen, Skizze


Inventar Nr.: 1875/1437
Bezeichnung: Olint und Sophronia auf dem Scheiterhaufen, Skizze
Künstler: Johann August d. J. Nahl (1752 - 1825)
Datierung: um 1784/1785
Geogr. Bezug: Rom
Material / Technik: Leinwand
Maße: Umzug NG: 58,0 x 72,0 x 5,7 cm (Objektmaß)
48 x 62,2 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben 1965 von K. Kröning, Bad Wildungen

1925 Anna Schotten

1881 H. Weckesser, Kassel

bis 1880 Wilhelm Nahl, Kassel

Beschriftungen: Beschriftung: verso auf der Leinwand handgeschriebener Klebezettel: Tassos »Befreites Jerusalem«. 2. Gesangvers 16-52 (mit ausführlicher Inhaltsangabe); handgeschriebener Zettel: Der Autor dieser Bilder ist der bekannte Historienmaler Joh. Aug. Nahl (1752-1825) welcher es im Jahre 1788 zu Rom gemalt hat. Es ist mir aus dem Nachlaß seines am 13. Juni 1880 zu Cassel verstorbenen Sohnes Joh. Wilh. Nahl von dessen Neffen und Erben H. W. Arthur Nahl überlassen. Cassel, im Mai 1881 H. Weckesser
Beschriftung: auf dem Keilrahmen handgeschriebener Zettel: Geschenk von Frau Anna Schotten für ärztliche Behandlung durch mich. Weihnachten 1925.


Katalogtext:
In den von Karl Justi 1796 publizierten autobiographischen Äußerungen Johann August Nahls d. J. berichtet der Maler, dass ihn während seines zweiten Romaufenthaltes (1783-85) ein russischer Kavalier namens »Zenowieff« mit dem Historiengemälde »Olint und Sophronia auf dem Scheiterhaufen« beauftragt habe. Bei dem russischen Kavalier handelt es sich vermutlich um Wasilij Nikolaewitsch Zinowiev (1754-1816?), der zum Hofstaat von Katharina II. gehörte und in Leipzig studiert hatte. Zwischen 1784 und 1788 bereiste er Europa. Möglicherweise ist Nahls Gemälde im Reisetagebuch von Zinowiev, das 1878 ausschnittweise publiziert wurde, erwähnt. Die vorliegende Ölskizze wird im Zusammenhang mit dem Gemälde, dessen Verbleib nicht bekannt ist, entstanden sein.
Literarische Vorlage ist eine Episode aus dem zweiten Gesang des christlichen Epos »Das befreite Jerusalem« (1570-75) von Torquato Tasso, das zur Zeit des Ersten Kreuzzugs Ende des 11. Jahrhunderts spielt und das Goethe und Byron als Hauptwerk des italienischen Renaissancedichters feierten. Sophronia und Olint, zwei junge Christen, werden vom König von Jerusalem zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Um die Christen von Jerusalem vor Verfolgungen zu bewahren, hatten sie die Schuld auf sich genommen, eine Moschee beraubt zu haben. Im letzten Augenblick werden sie von der heidnischen Amazone Clorinde gerettet. Sie hatte sich dem Waffendienst zur Bekämpfung der Christen geweiht und durch eine Eingebung den König um Begnadigung des zu Unrecht verurteilten Liebespaares gebeten.
Nahl hat den Moment der Begnadigung dargestellt: Sophronia und Olint, die durch ihre erhöhte Position aus der figurenreichen Komposition herausgehoben werden, verlassen soeben, von einer männlichen Person geleitet, über eine Treppe den Scheiterhaufen. Ein Scherge im rechten Bildvordergrund löscht die Fackel, mit welcher der Holzstoß gerade entzündet werden sollte. Die Jungfrau Sophronia, in ein weißes Gewand gehüllt, geht mit gesenktem Haupt voran, gefolgt von Olint, der sich zu ihr herüberbeugt und seine Hände als Zeichen der Unschuld vor dem Oberkörper kreuzt. Clorinde, mit Panzer, Helm und rotem Mantel bekleidet, steht am Fuß der Richtstätte und verhandelt mit dem König von Jerusalem, der ein prunkvolles orientalisches Gewand aus hellgrüner Seide und eine mit Edelsteinen besetzte hohe Krone trägt.
Die gesamte Breite der Skizze wird von Personen eingenommen, die dem Geschehen beiwohnen und ihre Blicke zum Himmel richten. Die Geste des alten Mannes am rechten Bildrand, der mit dem Zeigefinger seines erhobenen Arms auf den Himmel deutet, weist ihn als Christen aus, der die Begnadigung als Wunder auffasst. Zwei Soldaten am rechten und linken Bildrand widersetzen sich der Entscheidung des Königs: Während sich der eine mit Einhalt gebietender Geste dem Diener zuwendet, der gerade dabei ist, Olints Fesseln zu lösen, drängt der andere eine wehrlose Frau mit Kind und Mann gewaltsam zurück. Im Hintergrund der Szene, der in kühlen Grüntönen gehalten ist, sind die Moschee und die Ruinen der Stadt Jerusalem dargestellt.
Trotz der vielen Gestalten wirkt die Komposition ruhig und klar gegliedert. Die einfache Bildraumstruktur mit den Figuren im Vordergrund und den Ruinen und Gebäuden im Mittel- und Hintergrund erinnert an Kompositionen der italienischen Hochrenaissance und an klassizistisch geprägte Werke der französischen und italienischen Malerei. Während seiner Studienjahre in Paris und Rom hatte Nahl Kopien nach Werken von Raffael (1483-1520), Eustache Lesueur (1617-1655) und Guido Reni (1575-1642) gemacht.
Zumeist bereitete Nahl seine Historiengemälde in akademischer Manier in Zeichnungen vor, um die Posen der Figuren zu erproben, die er dann nahezu unverändert in Öl übertrug. Zuweilen sind die Figuren in den Entwürfen noch unbekleidet. Für Sophronia und Olint, Clorinde und den König sowie für den Diener und die Männer, die am Scheiterhaufen arbeiten, liegen solche Zeichnungen mit Graphit und Kreide vor (MHK, Graphische Sammlung, Inv. Nr. GS 7473, GS 7524-7526, GS 7528-7530, GS 7532-7533). Eine aquarellierte Federzeichnung, die die Komposition der Studie nahezu detailgetreu wiedergibt, in beinahe demselben Format, tauchte 1978 im Berner Kunsthandel auf und scheint unmittelbar mit der vorliegenden Ölskizze zusammenzuhängen.

Justi 1796, S. 302; Nagler, Bd. 10, 1841, S. 106; Nahl 1849, S. 1 u. 3, Nr. 14; Kasseler Tageblatt, 57. Jg., Nr. 517, 4.11.1910; Dreiheller 1968b, S. 2f.; Auktionskat. Dobiaschofsky, 48, Bern 24.10.1978, Nr. 314 (zur Federzeichnung, dort unter »Heinrich Füger« als »Alkestis wird von Herakles befreit«); AK Kassel 1994b, S. 25 u. 68f., Nr. 73 u. Nr. 84.1-84.9; Lammel 1998, S. 48f.; Lotman 1998, S. 51-57 (zu Zinowiev); Material zur Familie Nahl aus dem Nachlass Nicolai (Landesbibliothek u. Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, 2° Ms. Hass. 658,36).



Letzte Aktualisierung: 11.09.2015


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