Kriegsrätin Wilhelmine Schmidt



Kriegsrätin Wilhelmine Schmidt


Inventar Nr.: GK 963 (1875/1396)
Bezeichnung: Kriegsrätin Wilhelmine Schmidt
Künstler: Johann Friedrich August Tischbein (1750 - 1812)
Datierung: um 1800
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Leinwand
Maße: 68 x 55 cm (ovaler Spiegel) (Bildmaß)
Umzug NG: 82,0 x 70,0 x 6,5 cm (Objektmaß)
Provenienz:

1923 Dr. Leonhard Weiß, Wiesbaden

erworben 1961 von Frau H. Rode


Katalogtext:
In einem weißen, hochtaillierten Hemdkleid und mit einem transparenten, rosafarbenen Tuch über den Schultern ist die Kriegsrätin Schmidt im Dreiviertelprofil vor leicht bewölktem Himmel dargestellt. Die lockigen braunen Haare hat sie hochgesteckt, nur eine lange Strähne fällt auf die rechte Schulter. Wilhelmine Schmidt (1763-1845), geb. Müller, war eine Schwester von Tischbeins Frau Sophie und lebte in Arolsen. Entgegen Frankes Datierung in die Jahre zwischen 1782 und 1785 wird das Gemälde erst um 1800 entstanden sein. Darauf weisen die Kleidung und die Frisur, aber auch der Porträttypus hin, den Tischbein in diesen Jahren wiederholt verwendet hat.
Das wie ein Hemd geschnittene, tief dekolletierte Damenkleid aus feinem weißem Musselinstoff, das ohne Korsett und Reifrock lediglich unter der Brust gerafft wurde, kam erst Mitte der 1790er Jahre in Mode. Unter dem Einfluss der Französischen Revolution wich der steife, durch den Hof von Versailles vorgegebene Stil einer Mode, die die aufklärerische Forderung nach einer natürlichen Lebensweise in den Kleidungsstil übersetzte. Wie im Porträt der Kriegsrätin Schmidt trug man zumeist über diesen Kleidern, die fast ohne Unterbekleidung getragen und deshalb auch als »Nuditätenmode« bezeichnet wurden, farbige Schals als Schutz gegen die Kälte.
Die Datierung des Gemäldes um 1800 wird gestützt durch Tischbeins ganzfiguriges Porträt der Theresia Gräfin von Fries in der Hamburger Kunsthalle aus dem Jahr 1801 (Inv. Nr. 604). In Kleidung und Frisur sowie in der Darstellung als Dreiviertelprofil vor leicht bewölktem Himmel zeigt es starke Ähnlichkeiten mit dem Porträt der Kriegsrätin Schmidt. Vor einer Parklandschaft, an ein Geländer gelehnt, ist auch die Gräfin Fries in einem schlichten weißen Chemisenkleid mit einem leuchtendroten Tuch über den Schultern und hochgesteckten Haaren wiedergegeben.
Noch stärkere Parallelen mit dem Porträt der Kriegsrätin weist ein unbezeichnetes Brustbild der Gräfin Fries auf (Privatbesitz). Dort ist die Gräfin beinahe in demselben ovalen Bildformat dargestellt wie die Kriegsrätin Schmidt und in derselben nach rechts gewandten Pose. Die ständischen Differenzen zwischen den Dargestellten zeigen sich am Diadem, das das Haar der Gräfin Fries ziert, und in den golddurchwirkten, floralen Motiven ihres Gewandes. Auch im Porträt der Gräfin Fries wählte Tischbein ein zartes Kolorit dünnflüssig aufgetragener Farben in Rosa-, Hellblau- und Weißtönen. Tischbein hat diesen Bildtypus auch für das Porträt der Juliane Löhr von 1801 verwendet (Privatbesitz). Der Vergleich der drei Gemälde gibt Einblick in Tischbeins ökonomische Arbeitsweise, bei der er einen einmal gefundenen Porträttypus mit wenigen Variationen wiederholt verwendete.


Literatur:
  • Stoll, Adolf: Der Maler Friedrich August Tischbein und seine Familie. Stuttgart 1923, S. 199.
  • Oehler, Lisa: Neuerwerbungen in der Amtszeit von Hans Vogel (1945-1961), für die staatlichen Kunstsammlungen in Kassel. In: Kunst in Hessen und am Mittelrhein (1962), S., S. 61.
  • Herzog, Erich: Ein Freundschaftsbildnis von Friedrich August Tischbein. In: Aus hessischen Museen 1 (1975), S. 123-130, S. 123.
  • Franke, Martin: Johann Friedrich August Tischbein. Leben und Werk. Egelsbach u. a. 1993, Kat.Nr. 112 (zum ganzfigurigen Porträt der Gräfin Fries), 203 (zum Porträt der Juliane Löhr), 415.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 169, S. 194-195.
  • 3x Tischbein und die europäische Malerei um 1800. Kat. Staatliche Museen Kassel, Museum der bildenden Künste Leipzig. München 2005, Kat.Nr. 60, S. 188.


Letzte Aktualisierung: 20.09.2017


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