Lady Cornelia Adriana Agrim, Skizze



Lady Cornelia Adriana Agrim, Skizze


Inventar Nr.: GK 845 (1875/1216)
Bezeichnung: Lady Cornelia Adriana Agrim, Skizze
Künstler: Johann Friedrich August Tischbein (1750 - 1812)
Datierung: 1789
Geogr. Bezug: Amsterdam
Material / Technik: Leinwand, doubliert
Maße: Umzug NG: 34,5 x 28,5 x 3,5 cm (Objektmaß)
28 x 23 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben 1896 aus dem Nachlass von Friedrich Franz Anton Wilken, einem Enkel des Künstlers

Beschriftungen: Beschriftung: verso auf dem Keilrahmen mit Bleistift: 796; u.: Dr. Hohnstein


Katalogtext:
In einem Innenraum, der nur grob skizziert ist mit einem angedeuteten Vorhang, Bilderrahmen und Tisch, sitzt eine Dame in einem weißen, rüschenverzierten Kleid mit einem Buch in der Hand und wendet ihren Blick dem Betrachter zu. Vermutlich entstand die Ölskizze im Zusammenhang mit einem Porträt aus dem Jahr 1789, das sich in der Gemäldegalerie in Dresden befand (Inv. Nr. 2184A) und im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. In der Gemäldefassung war die Dargestellte nicht wie in der Skizze im Dreiviertelprofil wiedergegeben, sondern frontal, und die Hand mit dem Buch war gesenkt.
Eine Zeitlang hat man vermutet, dass es sich um Caroline Wilhelmine Gräfin von Bose (1760-1813), geb. von der Schulenburg-Wolfsburg, handeln würde, die mit Friedrich Wilhelm August Karl Graf von Bose verheiratet war und in Dresden lebte. Erst seit der Publikation von Staring gilt die Dargestellte als Lady Cornelia Adriana Agrim, geb. Munter. Diese stammte aus Amsterdam und war in erster Ehe mit Friedrich Wilhelm Graf von Reede verheiratet, der den Titel Lord Agrim trug. In zweiter Ehe heiratete sie Adolf Ludwig Christian Graf von Bose und lebte mit ihm in Dessau, wo Tischbein sie ein zweites Mal zusammen mit ihrer Tochter porträtiert hat (1875/1217).
In der Ölskizze hat Tischbein einen Porträttypus aufgegriffen, den er auch wenige Jahre zuvor im Porträt der Friederike Sophie Wilhelmine von Oranien-Nassau (1875/1214) verwendet hat. Die Analogien der beiden Bildnisse sind im ausgeführten Gemälde durch die frontale Sitzhaltung der Cornelia Adriana und die gesenkte Hand mit dem Buch noch offensichtlicher als auf der Skizze. Die ähnliche Gestaltungsweise der beiden beinahe gleich großen Skizzen gibt Einblick in die künstlerische Produktion des Porträtmalers, der ein Repertoire an Posen und Gesten immer wieder eingesetzt und nur leicht verändert hat.
Mit der gebildeten Leserin griff Tischbein einen Topos auf, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in vielen weiblichen Porträts verwendet wurde. Er steht für den Bildungsanspruch der neuen bürgerlichen Öffentlichkeit. Geprägt von den Leitideen der Aufklärung suchte man neue Kultur- und Lebensformen, um sich aus Unwissenheit und Unmündigkeit zu befreien. Die Lektüre spielte in diesem Prozess bürgerlicher Selbstfindung und Emanzipation eine große Rolle. In den Frauenporträts ging es dabei ausdrücklich darum, Bildung und nicht Gelehrtentum darzustellen. Gelehrtenporträts zeigen die Dargestellten nicht im Zustand müßigen Lesens, sondern in der Studierstube mit Büchern im Hintergrund.


Literatur:
  • Kurzwelly, Albrecht [Bearb.]: Die Leipziger Bildnismalerei von 1700 bis 1850. Leipzig 1912, Kat.Nr. 796.
  • Biehl, Walther: Die Leipziger Bildnismaler von 1700-1850. In: Zeitschrift für bildende Kunst (1912), S. 272-288, Kat.Nr. 283.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 845.
  • Stoll, Adolf: Der Maler Friedrich August Tischbein und seine Familie. Stuttgart 1923, S. 184.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 845, S. 79.
  • Luthmer, Kurt: Die hessische Malerfamilie Tischbein. Verzeichnis ihrer Mitglieder und einer Auswahl ihrer Werke. Kassel 1934, Kat.Nr. 188, S. 32.
  • Ebert, H.: Kriegsverluste der Dresdener Gemäldegalerie. Dresden 1963, S. 58.
  • Staring, A.: Johann Friedrich August Tischbein's Hollandse Jaren. Zutphen 1978, S. 43.
  • Tischbein, een reizend portrettist in Nederland. Utrecht 1987, Kat.Nr. 56, S. 67.
  • Franke, Martin: Johann Friedrich August Tischbein. Leben und Werk. Egelsbach u. a. 1993, Kat.Nr. 1 (Bd. 2).
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 180, S. 207-208.


Letzte Aktualisierung: 26.09.2017


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