Antonius zu Tode verwundet bei Kleopatra



Antonius zu Tode verwundet bei Kleopatra


Inventar Nr.: GK 689 (1875/713)
Bezeichnung: Antonius zu Tode verwundet bei Kleopatra
Künstler: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789)
Datierung: um 1767/1769
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand
Maße: 34,7 x 44,5 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 41,0 x 52,0 x 6,5 cm (Objektmaß)
Provenienz:

im Auftrag von Landgraf Friedrich II.

1792 Schloss Weißenstein, Erdgeschoss

1804 Schloss Wilhelmshöhe, Weißensteinflügel, Erdgeschoss, Eckkabinett

1824 Schloss Wabern

1827 Schloss Wilhelmshöhe

1829 Gemäldegalerie

1864 Schloss Bellevue

1875 Kopiersaal

1877 Neue Gemäldegalerie


Katalogtext:
Seit Ende der 1760er Jahre bevorzugte Tischbein d. Ä. Tugendbeispiele aus der römischen und germanischen Geschichte, was der Antikenverehrung seines Auftraggebers Landgraf Friedrich II. entsprach. Die Hinwendung zu moralischen Sujets, wie sie vom zeitgenössischen klassizistischen Kunstgeschmack propagiert wurden, geht einher mit einer einfacheren, zunehmend strengeren Formensprache und einem gedämpfteren Kolorit. Häufig wählte Tischbein tragische Momente des historischen Stoffes wie Sterbeszenen, die die Protagonisten in bewegter Mimik und Gestik zeigen und besonders geeignet waren, den Betrachter in Ergriffenheit zu versetzen.
Die Geschichte von Antonius und Kleopatra, der letzten Königin von Ägypten (68-30 v. Chr.), die Tischbein bis in sein Spätwerk beschäftigte, war in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein beliebtes Sujet, mit dem sich etwa auch Gérard de Lairesse (1640-1711), Charles Joseph Natoire (1700-1777) und Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770) in verschiedenen Bildfolgen befasst haben. Tischbein zog nicht nur die antike Überlieferung aus Plutarchs »Lebensbeschreibungen der berühmtesten Griechen und Römer« (VIII, 2) heran, sondern soll – so berichtet Engelschall – zusammen mit Casparson »die Begebenheiten des Antonius und der Kleopatra selbst in Shakespeare« nachgelesen haben (Engelschall 1797, S. 57). Shakespeares Neubearbeitung des Stoffes war 1764 in einer deutschen Übersetzung von Christoph Martin Wieland erschienen, mit dem Tischbein seit etwa 1749 persönlichen Kontakt hatte.
Der römische Konsul Octavian – mit dem späteren Ehrennamen Augustus – hatte in der Seeschlacht bei Actium im Jahre 30 v. Chr. im Osten des römischen Reiches die Vormachtstellung seines Gegners Marcus Antonius gebrochen. Als Antonius, der sich mit Kleopatra verbündet hatte, sah, wie seine Truppen vor Alexandria zum Feind überliefen, nahm er an, dass die Königin ihn verraten habe. Kleopatra flüchtete sich in ihr Grabmal und ließ ihm mitteilen, sie habe sich umgebracht. Daraufhin versetzte sich Antonius den Todesstoß, wurde aber noch schwer verwundet in das Grabmal Kleopatras gebracht, die verzweifelt sah, was ihre Nachricht bewirkt hatte.
Tischbein wählte das tragische Ende der Geschichte. Die Hauptfiguren der Szene, Kleopatra und zwei ihrer Dienerinnen, die den schwer verwundeten Antonius stützen, sind als geschlossene Gruppe dargestellt. Diese Hauptgruppe, die sich in anderen Gemälden Tischbeins ähnlich beobachten lässt, ist sowohl kompositorisch als auch inhaltlich das Zentrum des Bildes. Den leuchtendroten Feldherrnmantel noch über der rechten Schulter, bricht Antonius vor der Königin zusammen. Den Blick auf sie gerichtet, beklagt er mit der Geste der linken Hand sein Schicksal. Kleopatra hält mit beiden Händen die rechte Hand des Geliebten, während sie ihr Gesicht mit schmerzverzogener Miene abwendet. Ihr linker Fuß korrespondiert mit dem nach vorne gesetzten linken Bein des Antonius. Umgeben wird die Hauptgruppe von mehreren Dienerinnen, zwei tragen einen Hocker herbei, andere bereiten für Antonius ein Lager unter dem hohen Baldachin. Im Hintergrund öffnet sich der Blick durch ein Rundbogenfenster auf eine Terrasse, wo eine Dienerin mit einem Korb und einem Seil steht. Damit war Antonius heraufgezogen worden, da Kleopatra das Tor des Gebäudes nicht öffnen lassen wollte. Während diese Nebenszenen Tischbeins Kenntnis des historischen Stoffes belegen, demonstriert er mit der prunkvollen Ausstattung des königlichen Gemachs, mit den Wandreliefs, korinthischen Pilastern, Marmorsäulen und dem Fries aus verschiedenfarbigen Steinen, seine antiquarische Gelehrsamkeit.
In der Kompositionsweise folgte Tischbein den Grundprinzipien der klassischen Bildordnung, wie sie im 17. Jahrhundert in der französischen Akademie endgültig ausformuliert worden waren und wonach das Bild »im Helden oder in einer Hauptgruppe ein inhaltliches Zentrum zu haben hat [...]« (Busch 1993, S. 19). Während im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts genau dieses »Konzept vom Helden, dem Kernstück klassischer Historie, schrittweise in die Krise« geriet (ebd., S. 24), hielt Tischbein an den klassischen akademischen Konventionen fest. Bei Kleopatras Gesichtsausdruck, dem durch die Lichtregie eine zentrale Bedeutung zukommt, stützte sich Tischbein auf einen Leidenschaftstypus aus Charles Lebruns 1698 publiziertem Physiognomietraktat. Mit den nach oben gerichteten Augen und dem halb geöffneten Mund, einem aus der Magdalenen-Ikonographie bekannten Ausdrucksmotiv, entspricht Kleopatras Physiognomie Lebruns »la douleur aiguë« (durchdringender Schmerz).
Für die Figur des Antonius könnte für Tischbein Antoine Coypels Gemälde »Die Ohnmacht der Esther« (Paris, Louvre) eine Anregung gewesen sein, dessen Werke nachhaltigen Einfluss auf seine Malerei hatten. Dort wird Esther ähnlich wie Antonius von zwei Dienerinnen gestützt, wenngleich ihr zusammengesunkener Körper nicht den bevorstehenden Tod ankündigt, sondern Zeichen des Ausgeliefertseins und ihrer Demut ist. In Coypels Gemälde taucht in der linken Bildhälfte ferner ein ganz ähnlicher Dreifuß auf wie der, den auch Tischbein vor dem Baldachin dargestellt hat.
Tischbein hat das Sujet mehrfach behandelt, zum einen in zwei sehr ähnlichen großformatigen Gemälden von 1767 und 1776 (beide Privatbesitz), zum anderen in einer Halbfigurenkomposition von 1768 (Privatbesitz) und schließlich als veränderte Fassungen in zwei weiteren Gemälden von 1774 (Oldenburg, Landesmuseum) und 1776 (Privatbesitz). Die vorliegende Version ist in der Anlage des Raumes, der Anordnung der Figuren und in der Farbgebung mit den erstgenannten Gemälden von 1767 und 1776 nahezu identisch. Ob Tischbein das vorliegende Kabinettbild ebenfalls 1767 malte, wie das Pendantbild »Augustus bei der sterbenden Kleopatra« (M 1989/3), oder ob es erst 1769 entstanden ist, lässt sich nicht klären. Das 1769 erstellte Inventar des Schlosses Weißenstein nennt »zwey kleine Tableaux die Historie von Marcus Antonius und der Cleopatra von Professor Tischbein gemahlt«, die im Saal des Erdgeschosses hingen und bei denen es sich um das vorliegende Gemälde und sein Gegenstück handeln könnte (Holtmeyer, Bd. IV, 1910, S. 241).
Zu den Figuren von Antonius und Kleopatra schuf Tischbein drei Zeichnungen, darunter in Rötel eine kraftvoll modellierte Kopfstudie zu Antonius, die mit 1771 bezeichnet ist und wie eine autonome Ausdrucksstudie wirkt (Göttingen, Kunstsammlung der Universität, Inv. Nr. H 642). Die beiden anderen Blätter mit sorgfältig ausgearbeiteten Gewand-, Bewegungs- und Ausdrucksstudien zur Hauptgruppe könnten im unmittelbaren Zusammenhang mit der vorliegenden Gemäldefassung entstanden sein (beide Privatbesitz).


Literatur:
  • Nachricht von den historischen Gemälden des fürstlich-hessenkasselischen Kabinattmalers, Herrn Johann Heinrich Tischbein. In: Deutsches Museum (1777), S. 362-372, Kat.Nr. 66, S. 390.
  • Meusel, Johann Georg: Teutsches Künstlerlexikon oder Verzeichnis der jetztlebenden teutschen Künstler. Lemgo 1778, S. 144.
  • Apell, David von: Cassel und die umliegende Gegend. Eine Skizze für Reisende. Kassel 1792, S. 104.
  • Engelschall, Josef Friedrich: Johann Heinrich Tischbein d. Ä., ehemaliger Fürstlich-Hessischer Rath und Hofmaler, als Mensch und Künstler dargestellt, nebst einer Vorlesung von Casparson. Nürnberg 1797, Kat.Nr. 39, S. 102.
  • Döring, Wilhelm: Beschreibung des Kurfürstlichen Landsitzes Wilhelmshöhe bey Cassel. Kassel 1804, Kat.Nr. 11, S. 20.
  • Apell, David von: Cassel in historisch-topographischer Hinsicht. Nebst einer Geschichte und Beschreibung von Wilhelmshöhe und seinen Anlagen. Marburg 1805, S. 35 (Teil 2).
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 779, S. 125.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, Kat.Nr. 905, S. 146.
  • Auszug aus dem Verzeichnisse der Kurfürstlichen Gemälde-Sammlung. Kassel 1845, Kat.Nr. 905, S. 83.
  • Parthey, Gustav: Deutscher Bildersaal. Verzeichnis der in Deutschland vorhandenen Ölbilder verstorbener Maler aller Schulen. Berlin 1863/64, Kat.Nr. 34, S. 642 (Bd. 2).
  • Aubel, Carl: Verzeichnis der in dem Lokale der Neuen Gemälde-Gallerie zu Cassel befindlichen Bilder. Kassel 1877, Kat.Nr. 868, S. 74.
  • Michel, Edmond: Les Tischbein. Lyon 1881, S. 14.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 654, S. 377.
  • Woltmann, Alfred; Woermann, Karl: Geschichte der Malerei. Bd. 3: Die Malerei von der Mitte des 16- bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Leipzig 1888, S. 1019.
  • Bahlmann, Hermann: Johann Heinrich Tischbein. Straßburg 1911, Kat.Nr. 59, S. 28, 75.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 689, S. 68.
  • Luthmer, Kurt: Die hessische Malerfamilie Tischbein. Verzeichnis ihrer Mitglieder und einer Auswahl ihrer Werke. Kassel 1934, Kat.Nr. 42, S. 18.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 689, S. 155.
  • Herzog, Erich [Bearb.]: Johann Heinrich Tischbein d. Ä. 1722-1789. Kassel 1964, Kat.Nr. 27, S. 11.
  • Hawley, Henry [Bearb.]; Saisselin, Rémy G. [Bearb.]: Neo-Classicism. Style and Motif. Cleveland, Ohio 1964, Kat.Nr. 20.
  • Marianne Heinz [Bearb.]; Erich Herzog [Bearb.+ Hrsg.]: Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722 - 1789), Kassel trifft sich - Kassel erinnert sich in der Stadtsparkasse Kassel. Kassel 1989, Kat.Nr. 40, vgl. 87-89, S. 169, vgl. 181.
  • Kirchner, Thomas: L'expression des passions. Ausdruck als Darstellungsproblem in der französischen Kunst und Kunsttheorie des 17. und 18. Jahrhunderts. Mainz 1991, S. 190-215.
  • Busch, Werner: Das sentimentalische Bild. Die Krise der Kunst im 18. Jahrhundert und die Geburt der Moderne. München 1993, S. 19-238.
  • Tiegel-Hertfelder, Petra: "Historie war sein Fach". Mythologie und Geschichte im Werk Johann Heinrich Tischbeins d. Ä. (1722-1789). Worms 1996, Kat.Nr. G 48, S. 143-147, 338, 403.
  • Heinz, Marianne: Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722-1789), Hofmaler, Akademiedirektor und Lehrer der Malerfamilie Tischbein. In: Friedrich/Heinrich/Holm 2001 (2001), S. 47-56, S. 53.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 199, S. 230-232.
  • 3x Tischbein und die europäische Malerei um 1800. Kat. Staatliche Museen Kassel, Museum der bildenden Künste Leipzig. München 2005, Kat.Nr. 15, S. 36, 86, 88.


Letzte Aktualisierung: 09.11.2017


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