Alexander drückt den Siegelring auf den Mund seines Freundes Hephaistion



Alexander drückt den Siegelring auf den Mund seines Freundes Hephaistion


Inventar Nr.: GK 713 (1875/711)
Bezeichnung: Alexander drückt den Siegelring auf den Mund seines Freundes Hephaistion
Künstler: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789)
Datierung: 1781
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand
Maße: 69,5 x 53,7 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 78,5 x 63,0 x 3,7 cm (Objektmaß)
Provenienz:

im Auftrag von Landgraf Friedrich II.

1792 Schloss Weißenstein, Erdgeschoss, Kabinett

1804 Schloss Wilhelmshöhe, Weißensteinflügel, Erdgeschoss, Eckkabinett

1815 Schloss Wilhelmshöhe, Kirchflügel, Erstes Eckkabinett

1829, 1877 u. 1911 Neue Gemäldegalerie

Beschriftungen: Signatur: bez. u.l. (auf der Tischdecke): J. H. Tischbein pinx. 1781


Katalogtext:
Die vorliegende Episode zur Veranschaulichung tugendhafter Gesinnung stammt aus Plutarchs »Lebensbeschreibungen der berühmtesten Griechen und Römer« (VI, 3). Olympia, die Mutter Alexanders des Großen, hatte ihren Sohn wiederholt getadelt, zu offen gegenüber seinen Vertrauten und Verbündeten zu sein. Deshalb hielt er ihre Briefe geheim. Nur einmal gestattete er seinem Freund Hephaistion, der ihm einen Brief Olympias brachte, diesen unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu lesen.
Wie auf vielen seiner Historiengemälde seit den 1770er Jahren zu beobachten, hat Tischbein d. Ä. die beiden Protagonisten der Szene im unmittelbaren Vordergrund als Dreiviertelfiguren dargestellt (vgl. 1875/690, 1875/709). Alexander der Große, der an einem runden Tisch vor einem Baum und einem halb geöffneten Zelt sitzt, wird durch die Lichtregie und Farbgebung besonders hervorgehoben. Sein leuchtendroter Feldherrnmantel und die orangeroten Beinkleider sowie der reich verzierte Brustpanzer und der im Licht schimmernde Metallhelm mit dem weißen Federbusch heben ihn deutlich von der Umgebung ab. Während Alexander in der Rechten den Brief seiner Mutter hält, wendet er den Kopf, der im Profil wiedergegeben ist, zu Hephaistion und drückt ihm mit der linken Hand seinen Siegelring auf den Mund. Dieser steht etwas versetzt hinter ihm und hat die linke Hand an die Brust geführt, eine Geste, mit der er seine Verschwiegenheit beteuert. Hephaistion tritt nicht nur räumlich, sondern auch durch den Halbschatten und das gedämpfte Kolorit seines hellblauen Mantels hinter den König zurück. Zur Linken von Alexander und Hephaistion sind mehrere Zelte vom Lager der Makedonen und zwei Soldaten in Rüstung zu sehen, die durch einen kleinen Zaun von der Szene im Vordergrund abgetrennt sind.
Tischbein erprobte den Kontur der beiden Figuren sowie den Faltenwurf ihrer Gewänder in einer Rötelzeichnung, in der er die Komposition skizzierte (Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum, Depot Justi 144). Da die Zeichnung keinerlei Korrekturen aufweist, darf man annehmen, dass ihr weitere Entwurfsskizzen vorausgingen.
Abgerechnet wurde das Gemälde in den landgräflichen Chatoulrechnungen vom 23. November 1781: »Dem Herrn Rath Tischbein für 2 historische Bilder von Alexandro à 60 Reichsthaler [...]« (StAM, Rechnungen II, Kassel 655). Mit dem zweiten Gemälde dürfte »Augustus ehrt das Grab Alexanders des Großen« gemeint sein, das mit 1781 bezeichnet ist (MHK, Weißensteinflügel). Beide Gemälde können ab 1792 in den landgräflichen Gemächern in Schloss Weißenstein nachgewiesen werden.


Archivalien:
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand [zusammengestellt von]: Verzeichniß der Gemälde auf Wilhelmshöhe im Kurfürstl. Schloß daselbst. 1815, Nr. 28.
Literatur:
  • Apell, David von: Cassel und die umliegende Gegend. Eine Skizze für Reisende. Kassel 1792, S. 104.
  • Engelschall, Josef Friedrich: Johann Heinrich Tischbein d. Ä., ehemaliger Fürstlich-Hessischer Rath und Hofmaler, als Mensch und Künstler dargestellt, nebst einer Vorlesung von Casparson. Nürnberg 1797, Kat.Nr. 140, S. 113.
  • Döring, Wilhelm: Beschreibung des Kurfürstlichen Landsitzes Wilhelmshöhe bey Cassel. Kassel 1804, Kat.Nr. 13, S. 20.
  • Apell, David von: Cassel in historisch-topographischer Hinsicht. Nebst einer Geschichte und Beschreibung von Wilhelmshöhe und seinen Anlagen. Marburg 1805, S. 35 (Teil 2).
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 777, S. 124.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, Kat.Nr. 903, S. 146.
  • Aubel, Carl: Verzeichnis der in dem Lokale der Neuen Gemälde-Gallerie zu Cassel befindlichen Bilder. Kassel 1877, Kat.Nr. 891c, S. 79.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 679, S. 387.
  • Bahlmann, Hermann: Johann Heinrich Tischbein. Straßburg 1911, Kat.Nr. 49, S. 74.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 713, S. 70.
  • Luthmer, Kurt: Die hessische Malerfamilie Tischbein. Verzeichnis ihrer Mitglieder und einer Auswahl ihrer Werke. Kassel 1934, Kat.Nr. 61, S. 19.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 713, S. 156.
  • Vogel, Hans: Handzeichnungen Johann Heinrich Tischbeins d. Ä. in Justischem Familienbesitz. In: Jahrbuch der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz (1963), S. 285-292, Kat.Nr. 9, S. 291.
  • Herzog, Erich [Bearb.]: Johann Heinrich Tischbein d. Ä. 1722-1789. Kassel 1964, Kat.Nr. 44, S. 13.
  • Marianne Heinz [Bearb.]; Erich Herzog [Bearb.+ Hrsg.]: Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722 - 1789), Kassel trifft sich - Kassel erinnert sich in der Stadtsparkasse Kassel. Kassel 1989, Kat.Nr. 45, S. 170.
  • Alfter, Dieter; Lösche, Dietrich: Johann Heinrich Tischbein d. Ä. und das Schloß Pyrmont. Bad Pyrmont 1989, S. 10.
  • Tiegel-Hertfelder, Petra: "Historie war sein Fach". Mythologie und Geschichte im Werk Johann Heinrich Tischbeins d. Ä. (1722-1789). Worms 1996, Kat.Nr. G 102, S. 247, 365.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 205, S. 238-240.
  • 3x Tischbein und die europäische Malerei um 1800. Kat. Staatliche Museen Kassel, Museum der bildenden Künste Leipzig. München 2005, Kat.Nr. 20, S. 96.


Letzte Aktualisierung: 15.11.2017


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