Allegorie auf die Befreiung französischer und italienischer Gefangener



Allegorie auf die Befreiung französischer und italienischer Gefangener


Inventar Nr.: 1875/969
Bezeichnung: Allegorie auf die Befreiung französischer und italienischer Gefangener
Künstler: François André Vincent (1746 - 1816)
Datierung: 1806
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Leinwand, doubliert
Maße: 159 x 204 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 168,0 x 215,0 x 7,0 cm (Objektmaß)
Provenienz:

Sammlung Jérôme Bonaparte, blieb 1813 in Kassel zurück

Beschriftungen: Signatur: bez. u.l.: Vincent de l'institut, de la Légion d'honeur, Paris 1806


Katalogtext:
Vincent, der wie sein Altersgenosse Jacques-Louis David (1748-1825) das Atelier des Historienmalers Joseph-Marie Vien besucht hatte, gehört mit Jean-François Peyron (1744-1814), Joseph Suvée (1743-1807) und François Guillaume Ménageot (1744-1816) zu den Malern, die bereits vor David der französischen Historienmalerei zu neuer Aktualität verholfen haben. Themen aus der römischen, aber auch aus der nationalen Geschichte bestimmen seine Historienbilder. Die »Allegorie auf die Befreiung französischer und italienischer Gefangener«, die aus dem Besitz von Jérôme Bonaparte stammt, glorifiziert eine seiner Taten. Sie bezieht sich auf einen Auftrag Napoleons an seinen jüngsten Bruder im Jahr 1805. Der Kaiser hatte Jérôme gebeten, mit einem Geschwader nach Algier zu segeln, um die Auslieferung der dort gefangen gehaltenen französischen, italienischen und genuesischen Sklaven zu verlangen, wie dies in einem Brief Napoleons an seinen Bruder vom 5. Juli überliefert ist (Jérôme 1861, Bd. 1, S. 339). Jérôme traf am 18. August 1805 in Algier ein und erwirkte die Freilassung von 231 Sklaven durch eine Zahlung von 450 000 Francs, die man später aber verschwieg, um seine Verdienste nicht zu schmälern.
Vincent hat im unmittelbaren Vordergrund auf einem steinernen Kai einen der befreiten Gefangenen in Lebensgröße dargestellt. Kniend hat dieser die rechte Hand beteuernd auf die Brust gelegt, während die linke auf die geöffnete Eisenkette zu seinen Füßen weist. Zu seiner Rechten steht ein Kind in einem weißen, antikisierenden Hemdkleid und legt die linke Hand auf das Knie des Mannes. In der rechten hält es einen Eichenlaubkranz, dessen Band die italienische Inschrift trägt: »La Riconoscenza a Girolamo Bonaparte« (Dankbarkeit dem Jérôme Bonaparte). Mann und Kind richten ihren Blick unmittelbar auf den Betrachter.
Der Eichenlaubkranz, verbreitetes Symbol für Ehre und Ruhm, lässt den beiden Figuren eine allegorische Bedeutung zukommen und das Kind zum Genius der Dankbarkeit werden. Der von links herbei springende Hund symbolisiert die Treue der Gefangenen gegenüber ihrem Befreier. Der monumentale Marmorpfeiler am rechten Bildrand betont das Pathos der Szene und grenzt die beiden Figuren vom Hintergrund ab, der sich wie eine zweite Bildebene auftut. Während der Vordergrund von warmen Rotbrauntönen bestimmt wird, beherrschen kühle Blautöne den Hintergrund. Dort ist die Ankunft der Gefangenen im Hafen von Genua dargestellt, woher der größte Teil der Gefangenen stammte. Einwohner der Stadt begrüßen sie am Ufer und winken mit erhobenen Händen. Zwei Segelboote, die mit der französischen Tricolore geschmückt sind, haben bereits die Hafeneinfahrt mit ihren Festungsbauten und Leuchttürmen passiert. Die lichtdurchflutete Szene gilt als ein früher Versuch der Pleinair-Malerei.
Vermutlich gab Jérôme das Gemälde selbst in Auftrag. Vincents ausführliche Signatur mit dem Hinweis auf seine Mitgliedschaft in der Akademie und in der französischen Ehrenlegion betont den offiziellen Charakter des Gemäldes. Der Rahmen ist mit der Biene, dem heraldischen Zeichen Napoleons, als fortlaufendem Ornament geschmückt.
Vincent malte das Gemälde 1806, zu der Zeit, als Jérôme König von Westphalen war und in Kassel im Schloss Wilhelmshöhe residierte. Vermutlich blieb es wegen seines großen Formats bei Jérômes Flucht im Jahr 1813 in Kassel zurück. Es ist weder in dem 1816 von Robert begonnenen Inventar verzeichnet, noch in den späteren Katalogen der Kasseler Gemäldegalerie, das erklärt sich wohl durch die damals herrschende Franzosenfeindlichkeit.


Literatur:
  • Chaussard, P.: Le Pausanias français, ou Description du Salon de 1806: état des arts du dessin en France, à l´overture du XIXe siècle [...]. Paris 1806, S. 107.
  • Kircheisen, Friedrich M.: König Lustig, Napoleons jüngster Bruder. Berlin 1928, S. 46.
  • Jean Paulhan à travers ses peintres. Ausstellungskatalog. Grand Palais. Paris 1974, Kat.Nr. 202, S. 665.
  • Kaiser, Konrad: Ein Gang durch Kassels Neue Galerie. Kassel 1976, S. 18.
  • Eau. Mythe et Symbole dans la Peinture Occidentale. 1999, Kat.Nr. 16, S. 47.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, S. 344-345.
  • Rosenberg, Pierre: Gesamtverzeichnis Französische Gemälde des 17. und 18. Jahrhunderts in deutschen Sammlungen. Bonn/München 2005, S. 198.
  • Rosenberg, Pierre: Poussin, Lorrain, Watteau, Fragonard... Französische Meisterwerke des 17. und 18. Jahrhunderts aus deutschen Sammlungen. Ostfildern-Ruit 2005, Kat.Nr. 171, S. 448.
  • Jean-Pierre Cuzin: Francois-André Vincent 1746-1816. Entre Fragonard et David. Paris 2013, S. 264, 265, 496, 497.


Letzte Aktualisierung: 04.10.2017


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