Junge Frau und Offizier beim Musizieren ("Hausmusik")



Junge Frau und Offizier beim Musizieren ("Hausmusik")


Inventar Nr.: GK 288
Bezeichnung: Junge Frau und Offizier beim Musizieren ("Hausmusik")
Künstler: Gerard Ter Borch (1617 - 1681)
Datierung: um 1670
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 62 x 47,5 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben vor 1766 durch Friedrich II.


Katalogtext:
Der Betrachter blickt in einen herrschaftlichen Innenraum, in dem eine vornehm gekleidete junge Dame und ein galanter Herr zum gemeinsamen Musizieren zusammengekommen sind.
Musikszenen sind im Werk des holländischen Feinmalers Gerard Ter Borch äußerst häufig zu finden. Die Konzentration liegt dabei stets auf der psychologischen Beziehung zwischen den Dargestellten, die nie mit dem Betrachter des Gemäldes in Blickkontakt treten, wodurch eine intime Stimmung erzeugt wird.
Das gemeinsame Musizieren unterbrechend, ist die junge Frau, die eine Laute in der rechten Hand hält, vom Stuhl aufgestanden, um ein Notenheft auf dem Tisch abzulegen. Ihr Verhalten steht in einem gewissen Kontrast zu jenem des Kavaliers, der die Unterbrechung scheinbar noch nicht bemerkt hat und konzentriert mit dem Singen fortfährt, wobei er den etwas leeren und unbestimmten Blick der jungen Frau nicht erwidert.
Die Interpretation der Szene bleibt vage, doch lassen sich dem Thema verschiedene Bedeutungsebenen zuweisen. Die Musik steht in holländischen Genrebildern häufig in Bezug zur Liebesthematik und erinnert beispielsweise an den Sinnspruch „Amor docet musicam“ (Amor lehrt die Musik), der auf zahlreichen zeitgenössischen Emblemata zu finden ist. Dieser Aspekt ist nicht selten mit erotischen Konnotationen verbunden. Im Bild bleibt die Beziehung zwischen den beiden Personen allerdings absichtlich unklar und mehrdeutig, was als typisch für die psychologisch fein ausbalancierten Interieurszenen Ter Borchs gelten kann und dem Betrachter unterschiedliche Deutungen ermöglicht.
Verschiedene Elemente finden in den Werken des Künstlers mehrfach Verwendung, so sind der singende Herr, der Kerzenleuchter, die Silberdose und das auf dem Tisch liegende Tuch auch in einem heute in London befindlichen Gemälde anzutreffen.
Ter Borch kombiniert für seine Darstellung geschickt die einzelnen Motive mit einem differenzierten Einsatz von Licht und Farbe, der eine Klassifizierung der Bildelemente bewirkt und dem Betrachter die Leserichtung des Bildes vorgibt. Von schräg links beleuchtet das Licht in schlaglichtartiger Weise den Innenraum und bildet dabei verschiedene Zonen. Zunächst fällt es auf die stehende Dame, deren elegante und farbige Kleidung im Fokus der Aufmerksamkeit steht und meisterlich vom Künstler wiedergegeben wird. Der sitzende Herr ist hingegen bereits teilweise verschattet, nur sein Gesicht erfährt durch das Licht eine besondere Betonung. Beide Körper setzen sich dabei deutlich vom Hintergrund ab, der in ein diffuses Dämmerlicht getaucht ist, welches die Farbigkeit des Interieurs reduziert und die genaue Tiefe und Begrenzung des Raumes im Unklaren belässt. Auch das Landschaftsgemälde im Goldrahmen hebt sich kaum von der Wand ab. Es kann mit Werken des Haarlemer Künstlers Jan van Goyen in Verbindung gebracht werden, dessen Gemälde ein hohes Maß an reduzierter Farbgebung aufweisen.
Obwohl sich Ter Borch neben der Porträtmalerei auf Interieurszenen spezialisiert hat, blieb er vor allem Figurenmaler und inszenierte seine Bildprotagonisten zumeist in einer Raumsituation in gedämpftem Licht, das im Hintergrund nur wenige Details erkennen lässt. Diese eingeschränkte Tonalität, die den Farbcharakter der Räume Ter Borchs auszeichnet, ist nicht zufällig gewählt, sondern bildet eine dunkle Folie, vor der sich die Figuren und die aufwendigen Kleider besonders wirkungsvoll abheben können. Ein wiederkehrendes Lichtmotiv Ter Borchs ist der Glanz von Metall. Bereits in seinem ungewöhnlichen Soldatenbild vom Beginn der 1630er Jahre spielt es eine Rolle und findet sich auch im vorliegenden Gemälde unter den beeindruckenden Lichtreflexen wieder. Hierzu zählen neben den Gegenständen aus Silber, die auf dem Tisch stehend das Werk nach rechts begrenzen, die glitzernden Goldfäden der Bordüre auf dem Damastkleid. Erzeugt durch zahllose Lichtpunkte bilden diese für das Auge des Betrachters eine unruhige Oberfläche, die den Blick schweifen lässt und keine festen Ankerpunkte bietet. Diesen künstlerischen Effekt das Licht in einzelne Punkte zu zerlegen findet sich auch in der Malerei Vermeers wieder.
(T. Trümper, 2011)


Literatur:
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, Kat.Nr. 3, S. 192.
  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Kassel 1878, Kat.Nr. 385, S. 37.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 261, S. 172.
  • Voll, Karl: Die Meisterwerke der königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. München 1904.
  • Hofstede de Groot, C.; Plietzsch, Eduard (mitwirkend); Lilienfeld, Karl (mitwirkend): Beschreibendes und kritisches Verzeichnis der Werke der hervorragendsten Holländischen Maler des XVII. Jahrhunderts. Esslingen/Paris 1907-1928, Kat.Nr. 128, S. 48 (Bd. 5, 1912).
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 288, S. 66.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 288, S. 78.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 288, S. 26.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 288, S. 56.
  • Plietzsch, Eduard: Gerard ter Borch. Wien 1944, S. 24, 54.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 288, S. 149.
  • Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, S. 128.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 40.
  • Lehmann, Jürgen M.; Verein der Freunde der Kasseler Kunstsammlungen, Kassel e. V. (Hrsg.): Gemäldegalerie Alte Meister. Schloß Wilhelmstal. Bildheft mit 100 Meisterwerken. Kassel 1975.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 17, 65.
  • Lange, Justus u.a.: Lichtgefüge. Das Licht im Zeitalter von Rembrandt und Vermeer. Petersberg 2011, Kat.Nr. 31, S. 98.


Letzte Aktualisierung: 26.02.2018


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