Stillleben mit Musikinstrumenten



Stillleben mit Musikinstrumenten


Inventar Nr.: GK 1012
Bezeichnung: Stillleben mit Musikinstrumenten
Künstler: Evaristo Baschenis (1617 - 1677), Werkstatt
Datierung:
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 73,5 x 96,5 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben 1966 von A. Brod Gallery, London


Katalogtext:
Unterhalb eines roten gerafften Vorhangs öffnet sich der Blick auf einen Tisch, der mit einem gemusterten roten Kelim und einer Vielzahl verschiedener Holzinstrumente bedeckt ist. Ein Tischspinett, drei Lauteninstrumente sowie eine Geige und Flöte finden sich mit Partituren, einem Buch und einem Kasten zu einem scheinbar zwanglosen, tatsächlich aber höchst komplexen, kunstvoll verschränkten Arrangement zusammen. Die komplementären, gestaffelten Ansichten der Objekte und das hieraus geschaffene System kompositorischer Achsen sorgen für Räumlichkeit und Plastizität und verleihen der Komposition eine abwechslungsreiche Dynamik, welche den schweigenden Instrumenten etwas von der Lebendigkeit ihres Klangs wiederzuerlangen scheint. Neben der Erprobung räumlicher Wirkungen gilt das Hauptinteresse der sensiblen haptischen Wiedergabe der polierten, glänzenden Holzoberflächen, die mittels einer aus Rot, Braun und Schwarz fast monochrom gebildeten Farbigkeit nachdrücklich zur Geltung kommt. Die wirklichkeitsgetreue Wiedergabe der Stofflichkeit zeigt sich auch in der Staubschicht auf der Laute rechts, die ebenso wie die gerissene Saite der Violine und die Musik im Allgemeinen als Vergänglichkeitssymbol auf Vanitas verweist. Der Vorhang erfüllt mehrere Funktionen: Gemeinsam mit der Tischdecke bildet er einen einfassenden, bühnenhaften Rahmen für das Stillleben und unterstreicht als Markierung des Bildvordergrunds die tiefenräumliche Wirkung der Darstellung. Gleichzeitig zeigt er deren Bildgrenze an und erscheint durch die fehlende Verankerung im Bildgefüge als ambivalentes Objekt, das, ebenso wie das Lautenband, den Übergang zwischen Bild- und Betrachterraum markiert. Wird hierdurch der Trompe-lʼŒil-Charakter des Bildes untermauert, so verweist das Vorhang-Motiv implizit auf den Malerwettstreit von Zeuxis und Parrhasius und somit auf den künstlerischen Anspruch des dargebotenen Illusionismus.
Der aus Bergamo stammende Maler und spätere Priester Evaristo Baschenis gilt als Erfinder des Musikstilllebens. Dessen Popularität fällt mit dem Aufschwung des Instrumentenbaus ab dem späten 16. Jahrhundert zusammen, der in Oberitalien eine seiner wichtigsten Produktionsstätten hatte. Hieraus erklärt sich die Vielzahl solcherlei Stillleben, die sich von der Hand des Baschenis, seiner Werkstatt bzw. seinem Mitarbeiter und Nachahmer Bartolommeo Bettara (1639–nach 1688) und dessen Sohn Bonaventura (1663–1718) erhalten haben, deren Zuschreibungen in der Forschung nach wie vor variieren. Auch das Kasseler Bild wurde zunächst als Werk des älteren Bettara erworben und gilt inzwischen als Werkstattarbeit nach einem Prototyp Baschenisʼ. Fehlerhafte Details wie der fehlende Halswirbel der rechten Laute, die zu umfangreiche Klaviatur und das inkonsistente Webmuster des Teppichs scheinen dies zu untermauern. Das Kasseler Bild gehört einer Serie von bislang zwölf bekannten Gemälden an, die von geringen Abweichungen abgesehen in Motivik und Komposition identisch und überwiegend mit dem „Kürzel „B. B.“ bezeichnet sind. Die Forschung benennt insgesamt sechs bis acht solcher Serien, die sich bisweilen motivisch überschneiden und deren replikenhafter Charakter vom Einsatz reliefierter Vorlagen für die Instrumente herrührt. Diese Praxis sowie die serienhafte Herstellung nach Bildtypen, die auf ein hohes Niveau von Produktion und Nachfrage verweisen, erschweren die Klärung von Fragen der Systematisierung, Chronologie und Stilentwicklung innerhalb des Œuvres.


Literatur:
  • Exhibition of old master paintings. Recent Acquisitions. Alfred Brod Gallery. London 1965, Kat.Nr. 31.
  • Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, Kat.Nr. III, S. 152, 158.
  • Herzog, Erich; Lehmann, Jürgen M.: Unbekannte Schätze der Kasseler Gemälde-Galerie. Kassel 1968, S. 28.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 64, 72.
  • Martin-Méry, G.: L'Art et la Musique. Galerie Beaux-Arts Bordeaux. Ausstellung 30.05.1969 - 30.09.1969. Bordeaux 1969, Kat.Nr. 21, S. 14-15.
  • Lehmann, Jürgen M.; Verein der Freunde der Kasseler Kunstsammlungen, Kassel e. V. (Hrsg.): Gemäldegalerie Alte Meister. Schloß Wilhelmstal. Bildheft mit 100 Meisterwerken. Kassel 1975.
  • Mueller, Gisela D.: Evaristo Baschenis - der Initiator von Musikstilleben - und sein Kreis. In: Kunst in Hessen und am Mittelrhein 17 (1977), S. 7-26, S. 7-26.
  • Lehmann, Jürgen M.: Staatliche Kunstsammlungen Kassel. Katalog 1. Italienische, französische und spanische Gemälde des 16.-18. Jahrhunderts. Fridingen 1980, S. 11, 170.
  • Rosci, Marco: Evaristo Baschenis. Bergamo 1985, Kat.Nr. 99, S. 18, 88.
  • Lehmann, Jürgen Michael: Italienische, französische und spanische Meister in der Kasseler Gemäldegalerie. Sonderdruck für die Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Melsungen 1986, S. 28.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 46.
  • Lange, Justus; Carrasco, Julia: Kunst und Illusion. Das Spiel mit dem Betrachter. Petersberg 2016, Kat.Nr. 30, S. 100.


Letzte Aktualisierung: 24.01.2017


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