Die Bergpoort in Deventer mit heimkehrender Schafherde



Die Bergpoort in Deventer mit heimkehrender Schafherde


Inventar Nr.: GK 282
Bezeichnung: Die Bergpoort in Deventer mit heimkehrender Schafherde
Künstler: Job Adriaensz. Berckheyde (1630 - 1693)
Datierung: um 1669
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Eichenholz
Maße: 32 x 40 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben vor 1749 durch Wilhelm VIII.


Katalogtext:
In einem warmen, abendlichen Licht kehrt ein Hirte mit seiner Schafherde durch ein Tor vom Land zurück in die Stadt. Die Sonne steht bereits so tief am Himmel, dass sich lange Schatten auf dem Straßenzug hinter einer Stadtmauer abzeichnen, der noch von einigen Personen, die Einkäufe tätigen, und Hühnern bevölkert ist. Das auffälligste Motiv der kleinen Tafel bildet das prächtige Stadttor, welches nur einen knappen Blick in den Hintergrund preisgibt und und den Vordergrundbereich abschließt.
Ein südliches Licht bestimmt die Szenerie, die durch einige Ruinenmotive einen malerischen Eindruck erhält. Die verschiedenen Architekturformen, die das Gemälde in große Flächen gliedern, werden aufgelockert durch den Wechsel von Licht und Schatten. Die Sonne fällt in einem steilen Winkel diagonal auf das Straßenpflaster und lässt dabei starke Kontraste entstehen. Die vorherrschende rot-braune Farbigkeit wird dabei nur durch wenige Farbakzente aufgelockert.

Nach Pieter Saenredam (GK 427) gehört Job Berckheyde mit seinem Bruder Gerrit zu den wichtigsten Vertretern der holländischen Architekturmalerei. Kennzeichnend für ihr Werk ist die detailgetreue Wiedergabe wichtiger Gebäude, die in Kompositionen von strenger Zentralperspektive und mit gezielt eingesetzter Lichtführung erfasst werden. Im vorliegenden Gemälde, das um 1669 datiert wird, sah man die 1619 erbaute sogenannte „Bergpoort“ in Deventer dargestellt (Schnackenburg 1996), ein Tor welches 1879 abgebrochen wurde und sich in der Nähe der Bergkerk (Sint Nicolaas) befand. Allerdings orientierte sich Berckheyde an diesem Bauwerk nur sehr frei und veränderte zahlreiche Details. Auch die Umgebung lässt sich nicht mit seiner holländischen Heimat in Verbindung bringen, sondern vermittelt einen südländischen Eindruck.

Das Gemälde ist beeinflusst von italianisanten Malern wie Bartholomeus Breenbergh, Jan Both oder Nikolaes Berchem, die sich auf die Darstellung südlicher Landschaften spezialisierten. Versatzstückartig werden bei diesen Künstlern Architekturmotive bekannter antiker Bauwerke oder frei Erfundenes mit einer arkadisch anmutenden Landschaft kombiniert. Es entsteht das Bild einer friedlichen Idylle, die die Traumvorstellungen der niederländischen Käufer bediente. Auf dem Markt waren diese Bilder sehr beliebt und lösten die monochrom wirkenden, einheimischen Landschaften unter grauem, nördlichem Himmel ab. Wie Raupp schreibt, berichtet Arnold Houbraken „von der Freude bei den Sammlern, dass die düstere „braune“ Manier eines Van Goyen endlich von einer hellen und sauberen Manier abgelöst worden sei“.
Im Gegensatz zu anderen Künstlern besuchte Berckheyde allerdings nie Italien und musste sich daher für seine Darstellung auf Vorlagen oder Reisebeschreibungen stützen. Dennoch gelang ihm im vorliegenden Bild, ein Fantasie-Capriccio zu schaffen, das die südliche Stimmung in der Wirkung des warmen, mediterranen Abendlichts vor einer abwechlungsreichen Kulisse mit pittoresken Ruinen überzeugend einfängt.
Der Erfolg der Darstellung spiegelt sich in mehreren Variationen des Gemäldes, die eine veränderte Figurenstaffage vor gleicher Kulisse zeigen. Das Kasseler Gemälde wird um 1669 datiert.
(T. Trümper, 2011)


Literatur:
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, Kat.Nr. 110, S. 121.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 282, S. 82.
  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Kassel 1878, Kat.Nr. 583b, S. 55.
  • Hofstede de Groot, C.; Plietzsch, Eduard (mitwirkend); Lilienfeld, Karl (mitwirkend): Beschreibendes und kritisches Verzeichnis der Werke der hervorragendsten Holländischen Maler des XVII. Jahrhunderts. Esslingen/Paris 1907-1928, Kat.Nr. 135a, S. 399 (Bd. 8, 1923).
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 282, S. 6.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 282, S. 7.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 282, S. 26.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 282, S. 63.
  • Nederlandse Architectuurschilders 1600-1900. Centraal Museum Utrecht. Ausstellung 28.6.1953 - 28.9.1953. Utrecht 1953, Kat.Nr. 14, S. 6.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 282, S. 32.
  • Salerno, Luigi: Pittori di paesaggio del Seicento a Roma. 3 Bde. Rom 1977/80, S. 736 (Bd. 2).
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 60-61.
  • Lange, Justus u.a.: Lichtgefüge. Das Licht im Zeitalter von Rembrandt und Vermeer. Petersberg 2011, Kat.Nr. 16, S. 64.


Letzte Aktualisierung: 26.02.2018


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