Bildnis einer jungen Frau mit Nelke



Bildnis einer jungen Frau mit Nelke


Inventar Nr.: GK 238
Bezeichnung: Bildnis einer jungen Frau mit Nelke
Künstler: Ferdinand Bol (1616 - 1680)
Datierung:
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Eichenholz
Maße: 72,2 x 59 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben vor 1749 durch Wilhelm VIII.

Beschriftungen: Signatur: . bol . fecit/164.(2.)


Katalogtext:
Das Gemälde zeigt vor einem monochromen, bräunlichen Hintergrund das annähernd lebensgroße Brustbild einer jungen Frau. Den Körper leicht nach rechts gewendet, den Kopf nicht gesenkt, ist ihr Blick gedankenverloren in sich gekehrt. Sie trägt ein Phantasiekostüm, das aus einem grünlich schimmernden Kleid mit weiten Ärmeln besteht. Der eckige Ausschnitt läßt das weiße Unterkleid sehen. Um den Nacken hat sie ein Tuch mit langen, schweren Fransen gelegt, ein pelzverbrämter Mantel fällt zudem über ihre linke Schulter und bedeckt den ganzen Arm. Sichtbar ist lediglich die behandschuhte Linke, in der die junge Frau eine rote Nelke hält. Das rötliche, gelockte Haar trägt sie offen, nur das Haupthaar wird von einem Haarreifen oder einer auf dem Hinterkopf sitzenden Kappe zurückgehalten, deren Rand von Perlen gesäumt ist und von welcher zudem ein (kaum noch sichtbarer) Schleier herabfällt. Ein Perlenhalsband und Ohrgehänge mit großen, tropfenförmigen Perlen vervollständigen ihre vornehme Erscheinung.
Die kostbare Kleidung der jungen Frau und ihr erlesener Schmuck stehen sicherlich in engem Verhältnis zu ihrer gelegentlichen Identifizierung als „böhmische Prinzessin“ (so bereits im Inventar von 1749ff.). Diese Bezeichnung ist jedoch möglicherweise das Ergebnis einer irrtümlichen Identifizierung der Dargestellten mit einer der Töchter des böhmischen Winterkönigs (Friedrichs V. von der Pfalz), die zu Rembrandts Zeit mit ihrer Familie in Holland im Exil lebten. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wird neutraler von einem „vornehmen Frauenzimmer“ , später noch sachlicher von einer „jungen Frau“ gesprochen. Der Volksmund spricht – wie den Eintragungen in den Kopistenverzeichnissen zu entnehmen ist – ab etwa 1885 mit Vorliebe von der „Nelkendame“. Da Wilhelm Bode die Auffassung vertrat, nur enge Angehörige Rembrandts habe dieser in Phantasiekostümen portraitiert, sah man zwischenzeitlich in der Dargestellten auch eine Schwester des Künstlers.
Das Portrait wurde bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts als ein Beispiel der meisterhaften Bildniskunst Rembrandts verstanden. Lob erfährt dabei nicht nur die malerische und farbliche Qualität des Bildes, sondern auch der einfühlsame Realismus Rembrandts, der die herben und als unattraktiv empfundenen Gesichtszüge der Frau nicht schönt, ihnen aber tiefe Innerlichkeit zu verleihen vermag. So liest man in einem vor 1866 erschienenen Galeriekatalog etwa: „Eine wahre Perle Rembrandt'scher Bildnisse. Der Zauber des Helldunkels in seiner höchsten Potenz und ebenso der Schmelz eines markigen Farbenauftrags. Nirgends eine undurchsichtige oder trübe Stelle. Die Carnation höchst blühend und frisch pulsierendes Leben wiedergebend. Der Kopf scheint wirklich erhaben und rund dazustehen; man entdeckt in ihm die innerste Seele. Der Hintergrund wie hingehaucht und trotz seiner Dunkelheit klar und zurückweichend.“ Auch Wilhelm Bode äußert sich 1883 überschwänglich: Das „Brustbild einer jungen Frau mit einer Nelke in der Hand, in der Galerie zu Cassel, gehört zu den vollendetsten Bildnissen des Meisters aus dieser Zeit. Das hell einfallende Licht spielt im feinsten Helldunkel auf den keineswegs besonders anziehenden Zügen der Dargestellten; die kühlen grau-grünen Töne mischen sich hier mit warmen bräunlichen Tönen in feinster Weise; die Localfarbe kommt mehr als gewöhnlich zur Geltung und die Carnation ist von grösster Zartheit.“
Die Bedenken, die Jan Veth 1911 hinsichtlich der Qualität des Bildes äußerte, verbunden mit dem Hinweis, daß sie Ferdinand Bol oder Govert Flinck näher stehe als Rembrandt selbst, sind in der Fachwelt zunächst überhört worden. So war es Kurt Bauch, der 1966 als erster den konkreten – noch mit einem Fragezeichen versehenen – Vorschlag machte, das Gemälde Ferdinand Bol zuzuschreiben. Auch Ernst van de Wetering zog Bol als Künstler in Betracht (briefliche Mitteilung vom 6.12.1983). Diese Annahme bestätigte sich, als Hans Brammer 1987 in der Restaurierungswerkstatt die unter den dicken Firnisschichten verborgene Signatur entdeckte. Sie war vermutlich schon relativ früh übermalt worden, um das Bild als Original Rembrandts aufzuwerten.
Im Werk Ferdinand Bols steht das Gemälde in einer Reihe mit weiteren frühen Portraits, bei denen sich der junge Maler noch stark an der Bildniskunst Rembrandts orientierte. Vergleichbar ist hier etwa die Frau mit federgeschmückter Mütze und Schleier von Ferdinand Bol in der Alten Pinakothek München aus der zweiten Hälfte der 1640er Jahre (Inv. Nr. 610). Auch sie trägt ein renaissancehaftes Phantasiekostüm und lederne Handschuhe. Die Borte des ebenfalls trapezförmigen Kleidausschnittes ist wie bei der „Nelkendame“ gold-grün gestreift. Während Bernhard Schnackenburg die nur unvollständig erhaltene Jahreszahl der Signatur der Jungen Frau mit Nelke auf 1642 ergänzt, spricht sich Werner Sumowski für eine Datierung des Bildes in die zweite Hälfte der 1640er Jahre aus.
Die Nelke in der Hand der jungen Frau, die ein geläufiges Sinnbild der Verlobung, der Liebe und des Mutes ist, hat Anlaß zu der Vermutung gegeben, daß ursprünglich ein Männerportrait als Gegenstück existierte. Dies ist aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht der Fall. Zum einen werden bei Bildpaaren die Portraitierten selten in Phantasiekostümen wiedergegeben. Zum anderen – und dies ist gravierender – nähme die junge Frau bei einem Bildnispaar die falsche Seite ein. Aus Gründen der Lichtregie bleibt das linke Gemälde üblicherweise dem Mann vorbehalten, da das konventionell von links einfallende Licht sein Gesicht markant erscheinen läßt, während die Züge der Frau rechts ausgewogener und daher vorteilhafter erhellt werden. Es ist somit viel eher anzunehmen, daß es sich bei der Jungen Frau mit Nelke um ein Einzelbild handelt. Möglicherweise ist es – wie das 1655 von Govert Flinck gemalte Bildnis der Margareta Tulp als Braut (GK 1062) – als Verlöbnisbild zu verstehen.
Auch in der landgräflichen Galerie im Palais Bellevue versah man die „Nelkendame“ im ausgehenden 18. Jahrhundert nicht mit einem männlichen Gegenstück. Hier hing sie vielmehr als Pendant zu Rembrandts „Maria mit Kind“ (verschollen). An prominentester Stelle – nämlich im zentralen Kompartiment der straßenseitigen Wand, unterhalb des großen Altarbildes von Peter Paul Rubens (GK 119) – rahmten die gleichgroßen Bilder einen Schützenaufzug von David Teniers d.J. (heute Eremitage, St. Petersburg, Inv. Nr. 572).


Literatur:
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, Kat.Nr. 72, S. 22.
  • Bode, Wilhelm; Hofstede de Groot, C. (mitwirkend): Rembrandt. Beschreibendes Verzeichniss seiner Gemälde mit den Heliographischen Nachbildungen. Geschichte seines Lebens und seiner Kunst. Paris 1897-1901, Kat.Nr. 182, S. 111-112 (Bd. 3).
  • Voll, Karl: Die Meisterwerke der königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. München 1904.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 238, S. 52.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 238, S. 62.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 238, S. 22.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 238, S. 20.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 238, S. 119.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 64.
  • Weber, Gregor J. M. u.a.: Rembrandt-Bilder. Die historische Sammlung der Kasseler Gemäldegalerie. Ausstellungskatalog Staatliche Museen Kassel. München 2006, Kat.Nr. 2, S. 80-84.


Letzte Aktualisierung: 09.02.2016


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