Die Verkündigung an Maria



Die Verkündigung an Maria


Inventar Nr.: GK 2
Bezeichnung: Die Verkündigung an Maria
Künstler: Robert Campin (1375 - 1444), Kopie nach
Datierung: Jahrzehnt nach 1500
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Eichenholz
Maße: 75,5 x 74,5 x 4,5 cm (Rahmenmaß)
64,8 x 64 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben 1827 auf der Verst. Campe, Leipzig


Katalogtext:
In einem perspektivisch konstruierten Innenraum, dessen Fluchtlinien in der oberen Bildmitte neben dem Handtuch zusammenlaufen, erkennt man links den Verkündigungsengel an die vor einer Bank sitzende Maria herantreten. Durch ein Rundfenster über ihm gleitet das miniaturhafte Christuskind auf einem Lichtstrahl gen Maria herab. Der „puppenstubenhafte Charme“ der Darstellung macht die Verkündigungsszene zu einem der berühmtesten altniederländischen Gemälde überhaupt, was sich in einer kaum noch zu überblickenden Fülle an Forschungsliteratur niederschlägt.

Das Kasseler Gemälde ist eine Kopie nach der Mitteltafel des berühmten Mérode-Altars (New York, Metropolitan Museum of Art) des Meisters von Flémalle, der lange Zeit mit dem dokumentarisch überlieferten Robert Campin identifiziert wurde, ein Vorschlag der aber heute als ungewiss gilt. Nach dendrochronologischer Untersuchung entstand die Kopie frühestens ab 1500, also etwa 70 bis 80 Jahre nach dem Original. Dank der beiden Wappen an der rückseitigen Fensterwand lassen sich die Auftraggeber als Jean IV de Sainte-Aldegonde und Marie de Rubempré identifizieren, womit die Kopie vor 1511 entstanden sein muss, wie heraldische Studien belegen Sie ist damit ein herausragendes Beispiel für späte Kopien, die eine „fast faksimileartige Treue zum Vorbild erreichen“ Und dennoch lassen sich kleine, aber nicht unbedeutende Unterschiede erkennen, so ist der Schatten der Bank auf dem Fußboden wesentlich intensiver. Gerade dieses Detail verrät die späte Entstehung. Auch die Farbigkeit ist gegenüber dem Original verändert worden.

Das Werk des Meisters von Flémalle steht künstlerisch an einem Wendepunkt der Neuzeit. In Bezug auf das Licht sprach Wolfgang Schöne von einer „Art Schwebezustand zwischen Eigenlicht und Beleuchtungslicht“ Während die Figuren keine Schatten werfen, was als Hinweis auf ihre göttliche Natur gedeutet werden kann, zeichnen sich an den Gegenständen deutliche Schlagschatten ab. Diese „Schattenzonen werden nahezu überall präzise unterschieden in eine dunklere innere und hellere äußere.“ Es wird damit angedeutet, dass jeweils zwei Lichtquellen die Gegenstände beleuchten. Nimmt man dazu die nicht vorhandenen Schatten bei den Figuren, so ergibt sich damit eine alles andere als einheitliche Beleuchtungssituation, dem der perspektivisch konstruiertem Innenraum entgegenwirkt und deutlich die zeitliche Stellung des Werkes zum Beginn des 15. Jahrhunderts zu erkennen gibt. Die neuere Forschung zum Mérode-Altar hat zudem erhebliche Unterschiede innerhalb des Triptychon herausgearbeitet und nimmt heute zumindest zwei unterschiedliche Meister am Werk.
(J. Lange, 2011)


Literatur:
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, Kat.Nr. 37, S. 7-8.
  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Kassel 1878, Kat.Nr. 1, S. 1.
  • Tschudi, Hugo von: Der Meister von Flémalle. In: Jahrbuch der Preussischen Kunstsammlungen 19 (1898), S, S. 11.
  • Voll, Karl: Die Meisterwerke der königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. München 1904.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 2, S. 40.
  • Friedländer, Max J.: Die Altniederländische Malerei. Leiden 1924-36, Kat.Nr. 54a, S. 109 (Bd. 2, 1924).
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 2, S. 47.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 2, S. 5.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 2, S. 38.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 2, S. 40.
  • Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, S. 144.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 56.
  • Weber, Gregor J. M.: Stilleben alter Meister in der Kasseler Gemäldegalerie. Melsungen 1989, Kat.Nr. c, S. 15.
  • Beisheim, Johannes; Ketelsen, Thomas: Bibelbilder (mit Erläuterungen zu Werken der Kasseler Gemäldegalerie Alte Meister von T. Ketelsen). Kassel 1992, Kat.Nr. 15.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 76.
  • Lange, Justus u.a.: Lichtgefüge. Das Licht im Zeitalter von Rembrandt und Vermeer. Petersberg 2011, Kat.Nr. 2, S. 30.


Letzte Aktualisierung: 26.02.2018


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