Kindergenien mit den Attributen der Künste und Wissenschaften (Gegenstück zu GK 435)



Kindergenien mit den Attributen der Künste und Wissenschaften (Gegenstück zu GK 435)


Inventar Nr.: GK 436
Bezeichnung: Kindergenien mit den Attributen der Künste und Wissenschaften (Gegenstück zu GK 435)
Künstler: Marten Jozef Geeraerts (1707 - 1791)
Datierung: 1770 - 1780
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Leinwand
Maße: 86 x 135,5 cm (Bildmaß)
Provenienz:

Gegenstück zu GK 435 1781 vom Künstler erworben durch Friedrich II.


Katalogtext:
Die malerische Imitation von Steinskulpturen oder Reliefs hat seit den 1432 entstandenen Grisaille-Figuren auf den Außenflügeln des Genter Altars von Jan van Eyck in der niederländischen Kunst eine lange Tradition. Im Zuge der Herausbildung einzelner Fachmaler im Verlauf des 17. Jahrhunderts spezialisierten sich sogar einzelne Künstler auf dieses Gebiet, wie etwa Jacob de Wit (1695–1754) in Amsterdam. Stand am Beginn vielleicht der Wettstreit zwischen Malerei und Skulptur (Paragone) im Vordergrund, so scheint im 18. Jahrhundert zunehmend der dekorative Charakter der Werke an Bedeutung zugenommen zu haben. Vor allem im Kontext aufwendiger Raumdekorationen erfreuten sich die in unterschiedlichen Grautönen gemalten Steinimitationen als Supraporten großer Beliebtheit.

Auch der Antwerpener Marten Jozef Geeraerts hatte sich seit den 1730er-Jahren auf die Herstellung solcher Gemälde spezialisiert und erlangte darin große Bekanntheit. In sehr variantenreichen Grautönen, mal mit mehr Gelb- oder Rotpigmenten, mal mit höherem Blauanteil, erreichten seine Malereien eine feinmalerische Raffinesse, die den Werken Jacob de Wits nicht nachsteht. Die Imitation der unterschiedlichen Grade plastischer Durchbildung vom Flachrelief im Hintergrund bis zu nahezu vollplastischen Elementen wie den Füßen der Putten erzeugt darüber hinaus eine verblüffende Wirkung.

Die beiden Kasseler Supraporten wurden von Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel direkt beim Künstler erworben und sind ein Beleg für die Kontinuität der Sammelaktivitäten in Kassel im 18. Jahrhundert. Landgraf Friedrich II. war zunächst seinem Vater Wilhelm in der Sammelleidenschaft für Malerei gefolgt, sodass der Vater nicht ohne Stolz an seinen Vertrauten Baron von Häckel in Frankfurt schrieb: „Mein sohn ist so tieff in die Mahler liebhaberey gerathen, als seyn kann, welches mich eben nicht übell freuet, weil dadurch meine Collection einmal in gute Hände komt.“ Durch das Bekanntwerden von Friedrichs heimlichem Übertritt zum Katholizismus kühlte sich das Verhältnis zwischen Vater und Sohn jedoch merklich ab.

Dennoch pflegte Landgraf Friedrich II. die ererbte Sammlung und erweiterte diese auch durch eigene Ankäufe. Zudem hatte er mit den großformatigen Vier Jahreszeiten des Amsterdamer Malers Jacob de Wit, die sein Vater 1751/52 für seinen großen Galeriesaal als Supraporten direkt beim Künstler erworben hatte, Glanzstücke der illusionistischen Grisaille-Malerei vor Augen. Als es 1780/81 um die Ausstattung des Audienzgemachs im Residenzschloss ging, griff Landgraf Friedrich II. einerseits auf den von seinem Vater als Hofmaler bestallten Johann Heinrich Tischbein d. Ä. zurück, der Supraporten mit Putten lieferte. Andererseits erwarb er hierfür die beiden Steinreliefs imitierenden Werke Geeraerts. Im September 1782 wies der Landgraf an, der Kriegskasse die Kosten in Höhe von 161 Reichsthaler 24 Albus 2 Heller für „zweÿ Gemählde en Bas relief von Geraats in Antwerpen“ zu ersetzen.

Die beiden Supraporten zeigen im Gewand der spielenden Putten und Kinder Allegorien auf zentrale Aspekte fürstlichen Handelns: die Förderung und den Ausbau von Schifffahrt und Handel sowie die Pflege von Wissenschaften und Künsten. Auf beiden Gebieten war Landgraf Friedrich II. aktiv. So richtete er zum Beispiel in Kassel seit 1764 Frühjahrs- und Herbstmessen ein, die den Umsatz heimischer Produkte stärken sollten, aber nur wenig gegen die Konkurrenz in Leipzig und Frankfurt aussetzen konnten. Wesentlich erfolgreicher war er dagegen in der Förderung von Wissenschaft und Kunst, die im 1779 eröffneten Museum Fridericianum ihren glanzvollen Höhepunkt erhielt. Somit konnten die beiden Supraporten nicht nur von der Freude des Landgrafen an der Malerei künden, sondern verwiesen den Besucher im Audienzgemach auch auf dessen vorrangige Interessen.


Literatur:
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 683 oder 684, S. 111.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 436, S. 80.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 436, S. 93.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 436, S. 37.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 436, S. 62-63.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 17, 122-123.
  • Lange, Justus; Carrasco, Julia: Kunst und Illusion. Das Spiel mit dem Betrachter. Petersberg 2016, Kat.Nr. 13, S. 56.

Siehe auch:


  1. GK 435: Kindergenien mit den Attributen der Schifffahrt und des Handels (Gegenstück zu GK 436)


Letzte Aktualisierung: 20.09.2017


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