Mahlzeitstillleben mit Magd hinter einem Fenster



Mahlzeitstillleben mit Magd hinter einem Fenster


Inventar Nr.: GK 613a
Bezeichnung: Mahlzeitstillleben mit Magd hinter einem Fenster
Künstler: Wolfgang Heimbach (um 1610 - 1678)
Datierung: 1670
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 69,5 x 84,5 cm (Bildmaß)
Provenienz:

früheste Erwähnung im Inv. Schloss Wilhelmshöhe 1815

Beschriftungen: Signatur: in Coesfelt./Wolffg. HBach. C. f:/ao. 1670


Katalogtext:
Über die Biographie des taubstummen Malers Wolfgang Heimbach, der dank des Oldenburger Grafen Anton Günther (1583–1667) ab ca. 1635 für einige Jahre in den Niederlanden in der Malerei ausgebildet wurde, ist relativ wenig bekannt. Seit 1670 ist er als Hofmaler des Bischofs Christoph Bernhard von Galen in Münster nachweisbar. Einige Werke sind in dem nahe gelegenen Coesfeld entstanden – wohin die Residenz aufgrund politischer Spannungen verlegt worden war –, so auch das Stillleben mit der Magd hinter einem Fenster, wie die Beschriftung unten rechts besagt: „in Coesfelt. /Wolffg. HBach. C. f:/ao. 1670“. Das Bild kombiniert ein Mahlzeitenstillleben mit einer Genreszene und nimmt als einziges Stillleben des Malers eine Sonderstellung
in dessen OEuvre ein. Es ist von der Stilllebenmalerei zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Flandern und Holland geprägt. Heimbach war unter anderem in Haarlem gewesen, was nahelegt, dass er die Werke von Nicolaes Gillis und Floris van Dyck kannte, die auch als Schautafeln klassifiziert werden. Wesentlich ist die Aufsicht auf den Tisch mit einer überschaubaren Anzahl an Lebensmitteln, die in ihrer natürlichen Größe dargestellt sind. Die Zusammenstellung der angebrochenen Lebensmittel Käse, Butter, Schinken, Brot und Birnen mit den Getränken Wein und Bier gaukelt dem Betrachter
vor, eine reale Mahlzeit sei soeben unterbrochen worden. Er kann sich aufgrund des „Appellativen der Relikte“, des „suggestiven haptischen Angebot[s]“, wie einem griffbereiten Messer und einer zerknüllten Serviette, die in den Betrachterraum weisen, – als möglicher Gast der Tafel – mit der Person identifizieren, die den Tisch verlassen zu haben scheint. Die Magd hinter dem Fenster nimmt ebenso wie der gedeckte Tisch scheinbar einen
eigenen Raum ein. Diese Räume werden durch ein Fenster getrennt, doch die Scheibe ist zerbrochen, wodurch eine Verbindung hergestellt wird. Weiterhin verbunden werden die Räume wiederum durch das Einbeziehen des Betrachters, der von der Magd durch das Loch im Fenster angeschaut wird. Ihr Blick evoziert eine Reflexion des Betrachters über den Anlass ihrer Präsenz. Blickt sie neidvoll auf die Tafel des höhergestellten Dienstherren?
Kann sie die leiblichen Genüsse, die auf dem Tisch ausgebreitet sind, vielleicht nicht nur sehen, sondern auch riechen? Das Spiel mit mehreren Räumen und das Ansprechen der menschlichen Sinne verleihen diesem Bild einen außergewöhnlichen und einprägsamen Charakter.
(I. Beckmann, 2015)


Literatur:
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 920, S. 144.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 613a, S. 71.
  • Nature morte de Brueghel à Soutine. Galerie des Beaux-Arts Bordeaux. Ausstellung 5.5.1978 - 1.9.1978. Bordeaux 1978, Kat.Nr. 40, S. 98.
  • Weber, Gregor J. M.: Stilleben alter Meister in der Kasseler Gemäldegalerie. Melsungen 1989, Kat.Nr. 39, S. 16, 41.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 142-143.
  • Lange, Justus; Carrasco, Julia: Kunst und Illusion. Das Spiel mit dem Betrachter. Petersberg 2016, Kat.Nr. 31, S. 102.
  • Ved bordet. Mennesker, mad & nature morte. Fuglsang 2017, Kat.Nr. 45, S. 145.


Letzte Aktualisierung: 07.06.2018


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