Die Singprobe



Die Singprobe


Inventar Nr.: GK 864
Bezeichnung: Die Singprobe
Künstler: Jacob Ochtervelt (1634 - 1682)
Datierung: um 1669
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 57,3 x 46 cm (Bildmaß)
98,5 x 87,5 x 13 cm incl. RSS (Rahmenmaß)
Provenienz:

erworben 1913 von Kunsth. de Burlet, Berlin


Katalogtext:
Der Künstler Jacob Ochtervelt orientierte sich mit seinen Interieurszenen deutlich an Ter Borch, auf den auch das Thema der musizierenden Personen zurückgeführt werden kann (vgl. Kat. Nr. 31). Auch die malerische Qualität und nicht zuletzt die Lichtbehandlung beider Künstler ist vergleichbar. Ochtervelt platziert seine Figuren in einem vornehmen Innenraum, der nur im Vordergrund schlaglichtartig aus diagonaler Richtung von links oben beleuchtet wird, gut ablesbar am Schattenwurf des kleinen Hundes. Zwei elegante junge Damen musizieren vorne rechts an einem Virginal. Gekleidet in schimmernde Stoffe bilden sie das Hauptmotiv des Gemäldes, welches sich durch Licht und Farbigkeit gegenüber einer zweiten Figurengruppe im Hintergrund deutlich absetzt.
Der Künstler versteht es meisterlich, den Charakter der feinen Stoffe malerisch zu erfassen. Die Darstellung des leuchtenden Satins der Kleider wird gesteigert durch den schwarzen Spitzenkragen der sitzenden Dame und den Saumbesatz- einer Metall-Klöppelspitze bestehend aus golden schimmernden Fäden. Der umgebende Raum ist gegenüber den Personen in seiner Farbigkeit stark zurückgenommen und verstärkt dadurch zusätzlich die optische Wirkung der Stoffe. Das Licht ist also vornehmlich zur Gestaltung materieller Kostbarkeiten eingesetzt. Zwar wird aufgrund der Raumhöhe und der Einrichtungsgegenstände deutlich, dass es sich um einen repräsentativen Wohnraum handeln muss, jedoch sind Details nur schemenhaft erkennbar und verlieren sich im Dunkel des Hintergrunds. An der hinteren, durch Stuckaturelemente gegliederten Wand hängt ein großformatiges Gemälde in einem Goldrahmen, dessen schwer zu erkennende Darstellung entgegen der Annahme Kuretskys keine Geburt der Venus, sondern eine nackte Fortuna zeigt, die ein Segel in die Lüfte hält (Schnackenburg, Gemäldeakte).
Für die Deutung der Szene kann die Inschrift auf dem Instrumentendeckel als Motto herangezogen werden, dessen Text auf zeitgenössischen Instrumenten häufiger zu finden ist und lautet: MUSYKA MAG[NORUM] SOLAMEN / DULCE L[ABORUM] (Musik ist ein süßer Trost für große Mühen). Die dargestellten Personen suchen in der Musik Zerstreuung und Ablenkung von der Arbeit des Alltags, es herrscht eine harmonische und friedvolle Stimmung, die durch die differenziert dargestellten Beziehungen zwischen den Protagonisten zum Ausdruck kommt: Während es sich im Vordergrund um einen psychologischen Moment handelt, der sich alleine über den Blick der beiden Damen zueinander vermittelt, kommt es bei dem Paar im Hintergrund auch zu einer körperlichen Annäherung. Möglicherweise wird die Dame, die der Musik lauscht und dabei in die Hände klatscht, von dem galanten Herrn soeben zu einem Tanz aufgefordert.
Musik bot in höheren Gesellschaftskreisen eine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme insbesondere zwischen den Geschlechtern und enthält daher häufig eine erotische Note.
Diese subtil angelegten Nuancen der Bildhandlung werden durch die variierende Lichtbehandlung der Figurengruppen zusätzlich betont. Interessanterweise verfolgt Ochtervelt in seiner Malerei dabei nicht den Anspruch, eine realistische Lichtsituation wiederzugeben. So belässt der Künstler etwa die rechte Wand im Dunkel, obwohl diese eigentlich in Licht getaucht sein müsste. Auch die hintere Gruppe entspricht nicht der gegebenen Beleuchtungssituation, erscheint doch der nahe der Lichtquelle stehende Herr stärker verschattet als die sitzende Dame, die in diffuse Helligkeit getaucht ist.
(T. Trümper, 2011)


Literatur:
  • Hofstede de Groot, C.: Die 25. Winterausstellung der Londoner Royale Academy. In: Repertorium für Kunstwissenschaften 17 (1894), S. 169-173, S. 170.
  • Gronau, Georg: Erwerbungen der Casseler Galerie 1912-22. In: Berliner Museen. Berichte aus den Preussischen Kunstsammlungen 44 (1923), S. 60-71, S. 62.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 864, S. 55.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 864, S. 58.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 864, S. 56.
  • Rembrandt und seine Zeit. Zweihundert Gemälde der Blütezeit der holländischen Barockmalerei des 17. Jahrhunderts aus deutschen, holländischen und schweizerischen Museums- und Privatbesitz. Museum zu Allerheiligen. Ausstellung 10.4.1949 - 2.10.1949. Schaffhausen 1949, Kat.Nr. 96, S. 55.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 864, S. 105.
  • Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, S. 150.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 62.
  • Lehmann, Jürgen M.; Verein der Freunde der Kasseler Kunstsammlungen, Kassel e. V. (Hrsg.): Gemäldegalerie Alte Meister. Schloß Wilhelmstal. Bildheft mit 100 Meisterwerken. Kassel 1975.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 209.
  • Ekkehard Mai u.a.: Vom Adel der Malerei. Holland um 1700. Köln 2007, S. 57.
  • Lange, Justus u.a.: Lichtgefüge. Das Licht im Zeitalter von Rembrandt und Vermeer. Petersberg 2011, Kat.Nr. 32, S. 100.


Letzte Aktualisierung: 20.07.2018


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