Bildnis des Nicolaes Bruyningh



Bildnis des Nicolaes Bruyningh


Inventar Nr.: GK 243
Bezeichnung: Bildnis des Nicolaes Bruyningh
Künstler: Rembrandt Harmensz. van Rijn (1606 - 1669)
Datierung: 1652
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 106,8 x 91,5 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben 1750 mit dem Kabinett des Valerius Röver, Delft, durch Wilhelm VIII.


Katalogtext:
Isabella Henriëtte van Eeghen hat sich in einem Artikel 1977 mit der Familie des Dargestellten und der Weitergabe seines Bildnisses beschäftigt. Nicolaes Bruyningh (Amsterdam um 1629/30 – 12. November 1680 Alkmaar) entstammte einer wohlhabenden Amsterdamer Familie, was ihm ab 1648 ein Studium an der Universität von Utrecht ermöglichte, das er aber vermutlich nicht abgeschlossen hat. 1652 – im Jahr des Porträts Rembrandts – erbte er ein ansehnliches Vermögen von seinem Großvater, das ihn fortan in sicherem Wohlstand leben ließ. So besaß er einen Landsitz im Polder De Zijpe in Nordholland. Seine Ehe 1669 mit Catharina van de Nieuwstad, der Tochter eines 1664 verstorbenen Bürgermeisters von Alkmaar, endete 1672 tragisch mit ihrem Tod im Kindbett. In den Jahren darauf übernahm Nicolaes Bruyningh verstärkt öffentliche Ämter in Alkmaar, so war er 1672/73 und 1677/78 Schöffe und 1679 Rat der Stadt. Bürgermeister wurde er nicht mehr, da er 1680 starb. Seine letzte Ruhe fand er in der Laurenskerk von Alkmaar.
Valerius Röver, über dessen Sammlung das Gemälde nach Kassel kam, war in zweifacher Hinsicht mit der Familie Bruyningh verwandt. Er hatte Cornelia van der Dussen geheiratet, deren Großmutter Hillegonda Bruyningh die Schwester des Dargestellten war; auf der anderen Seite war das Porträt eher zufällig in den Besitz von Rövers angeheirateter Schwägerin Johanna Graafland gelangt. Deren Ehemann war ebenfalls ein Enkel Hillegonda Bruyninghs gewesen. Als Kunstsammler wird sich Röver sicherlich für das Gemälde Rembrandts interessiert haben, das ihm dann 1728 zum Geschenk gemacht wurde, wofür er sich mit einer Gegengabe bedankte.
Merkwürdigerweise taucht das Bildnis Bruyninghs nach seinem Ankauf zwar im Kasseler Inventar 1749ff. von Wilhelm VIII. auf, nicht aber im folgenden von 1775 und ebensowenig in den gedruckten Katalogen von 1783 und 1799. Als Conrad Westermayr einige Werke der Kasseler Galerie in Kupfer sticht, ist 1792 auch das Bildnis Bruyninghs dabei. Während er meist den Standort seiner Vorlage angibt („[…] dans la Gallerie de Cassel“, „[…] dans l’Academie de Cassel“) verzichtet er in diesem Fall darauf. Rembrandts Gemälde gehörte dann zu den 1807 bis 1815 in Paris ausgestellten Werken, es wird mit einer Abbildung im begleitenden Bildband von Lavallée und Filhol 1814 geehrt. Auf der Liste der beschlagnahmten Werke, die Denon im Januar 1807 erstellt, ist es allerdings nicht eindeutig identifizierbar. Das Inventar von 1816ff., das die Nummerierung des Inventars von 1749ff. zitiert und fortführt, beschreibt das Bild ausführlich. Der Katalog von 1819 führt es dann erstmals als Bildnis Nicolaes Bruyninghs auf, womit seine Karriere als eines der beliebtesten Werke Rembrandts der Kasseler Galerie begann.

Mit etwa zweiundzwanzig Jahren ließ Nicolaes Bruyningh sich porträtieren, auf einem Stuhl mit geflochtener Rückenlehne sitzend, weit nach links über die Armlehne gebeugt. Seinen Kopf, der allein aus dem dunklen Grund des Bildes hervorleuchtet, wendet er ebenfalls nach links. Sein offener, interessierter Blick und seine geöffneten Lippen vermitteln den Eindruck, er sei aufmerksam in eine Unterhaltung eingebunden. Das rotblonde Haar fällt gelockt bis auf die Schultern, der Kragen ist locker geöffnet, die Troddeln zum Schließen hängen seitlich herab. Über sein dunkles Wams hat er einen Mantel geworfen, von dem eine Knopfleiste rechts im Dunklen aufleuchtet. Nur summarisch deutet Rembrandt die Hand des Armes an, mit dem sich Bruyningh auf der Lehne abstützt; ursprünglich hatte er sie mit der zweiten Hand zusammengeführt. Angesichts des sehr hohen Bleiweißgehalts, wie er im Röntgenbild sichtbar wird, war die Handpartie ursprünglich wesentlich heller angelegt worden; sie hätte dem Bildnis damit eine ausgewogenere Lichtverteilung geboten, wie sie Rembrandt auch in jenen Jahren fast durchweg anwendete. In der jetzigen Ausführung wird die Hand dem Gesicht gänzlich untergeordnet, sie wirkt sogar zu klein und – wie auch die Manschette – recht summarisch angelegt.
Die kommunikative Wendung über die Stuhllehne hinweg hatte Rembrandt in einem berühmt gewordenen Porträt des Predigers Cornelis Claesz. Anslo von 1641 schon erprobt (Berlin, Gemäldegalerie). In einer gegenüber dem Kasseler Bild gespiegelten Haltung richtet sich dieser gestikulierend und redend an seine zuhörende Frau Aeltje Gerritsz. Schouten. Im elf Jahre später entstandenen Bildnis des Nicolaes Bruyningh behält Rembrandt die Wendung des Porträtierten zu einem Gegenüber bei, läßt ihn aber nicht gestikulierend reden, sondern überträgt nun ihm die Rolle des Zuhörers.
Viele Autoren haben sich für diese Offenheit des Bildnisses begeistert, haben die unkonventionelle Darstellungsform einer hypothetischen Freundschaft von Maler und Dargestellten zugeschrieben. Wilhelm Bode nennt es 1870 das „geistreichste Bildniß, welches Deutschland aus dieser Zeit“ von Rembrandt besitzt. Das leichte Lächeln Bruyninghs spielte in der Literatur eine nicht unwesentliche Rolle, man hielt es für rätselhaft, unvergeßlich , träumerisch, entrückt. Jan Veth begeistert sich nahezu poetisch für das Bildnis und fragt sich letztlich, „ob hinter Mona Lisas Lächeln tieferes Leben wohnt als hinter den, zwischen weichen Zweifelszügen wundersam gewölbten Lippen dieses sanften Rätselmundes“?
Das leichte Lächeln hatte den Autor des Inventars von Wilhelm VIII. zu einer Bezeichnung des Bildes als „lachender Philosophus“ gebracht, obschon ihm der Name des Dargestellten über den Ankauf aus der Sammlung Röver bekannt gewesen sein muß. Mit diesem Bildtitel reagierte er aber auf die unkonventionelle Porträtauffassung, die im Gegensatz zu den anderen vorhandenen bürgerlichen Bildnissen Rembrandts in ihrer klaren, gleichmäßigen Ausleuchtung die Erinnerung an historische Figurenbilder wachrufen mußte. Hier erforderte die Gattung des Historienbildes eine bewegte Gestik und Mimik in schlaglichtartiger Beleuchtung. Als „lachender“ Philosoph gehört Demokrit zum festen Repertoire der Ikonographie von Philosophendarstellungen des siebzehnten Jahrhunderts, meist in Kombination mit denen des weinenden Philosophen Heraklit. Häufig wendet sich Demokrit seinem Gegenüber zu, lacht er doch über die Welt und damit auch seinen konträr gestimmten Kollegen. Es verwundert also nicht, daß Rembrandts Bildnis des Nicolaes Bruyningh zunächst als „lachender Philosophus“ bezeichnet wurde.


Literatur:
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 313, S. 51-52.
  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Kassel 1878, Kat.Nr. 359, S. 34.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 221, S. XLII Anm. 7), 148-149.
  • Bode, Wilhelm; Hofstede de Groot, C. (mitwirkend): Rembrandt. Beschreibendes Verzeichniss seiner Gemälde mit den Heliographischen Nachbildungen. Geschichte seines Lebens und seiner Kunst. Paris 1897-1901, Kat.Nr. 367, S. 147-148 (Bd. 5).
  • Moes, E. W.: Iconographia Batavia. Bereden erde List van geschilderte en gebeeld houwede Portretten van Noord-Nederlanders in vorige Eeuwen. 2 Bde. Amsterdam 1897/1905, Kat.Nr. 1212, S. 139.
  • Voll, Karl: Die Meisterwerke der königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. München 1904.
  • Neumann, Carl: Rembrandt. 2 Bde. 2. Aufl. Berlin/Stuttgart 1905, S. 506-507.
  • Moes, E. W.: Het Kunstkabinet van Valerius Röver te Delft. In: Oud Holland 30 (1913), S. 4-24, Kat.Nr. 82, S. 21.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 243, S. 53.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 243, S. 63.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 243, S. 23.
  • Benesch, Otto: Rembrandt. Werk und Forschung. Wien 1935, Kat.Nr. dG. 628, S. 46.
  • Bredius, A.: Rembrandt Gemälde. Wien 1935.
  • Seiffert-Wattenberg, R.: Rembrandt Harmensz. van Rijn. München 1936, S. 7.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 243, S. 21.
  • Rembrandt und seine Zeit. Zweihundert Gemälde der Blütezeit der holländischen Barockmalerei des 17. Jahrhunderts aus deutschen, holländischen und schweizerischen Museums- und Privatbesitz. Museum zu Allerheiligen. Ausstellung 10.4.1949 - 2.10.1949. Schaffhausen 1949, Kat.Nr. 135, S. 63.
  • Slive, Seymour: Rembrandt and his critics 1630-1730. Den Haag 1953, S. 174.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 243, S. 121.
  • Vogel, Hans: 45 Gemälde der Kasseler Galerie. Kassel 1961, S. 64.
  • Rosenberg, Jakob: Rembrandt. Life & Work. 2. Aufl. London 1964, S. 78-79.
  • Herzog, Erich: Holländische Meister des 17. Jahrhunderts aus den Betänden der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel (Jahresausgabe der Hessischen Brandversicherungsanstalt für 1965). Kassel 1965, S. Vorwort o. S.
  • Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, Kat.Nr. 21, S. 116, 161.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 28, 86.
  • Lehmann, Jürgen M.; Verein der Freunde der Kasseler Kunstsammlungen, Kassel e. V. (Hrsg.): Gemäldegalerie Alte Meister. Schloß Wilhelmstal. Bildheft mit 100 Meisterwerken. Kassel 1975.
  • Adler, Wolfgang; Herzog, Erich; Lahusen, Friedrich; Lehmann, Jürgen M.: Gemäldegalerie Alte Meister Schloß Wilhelmshöhe. Braunschweig 1981, S. 13, 78-79.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 243.
  • Weber, Gregor J. M. u.a.: Rembrandt-Bilder. Die historische Sammlung der Kasseler Gemäldegalerie. Ausstellungskatalog Staatliche Museen Kassel. München 2006, Kat.Nr. 20, S. 167-172.
  • Fritzsche, Claudia: Ad Fontes! Niederländische Kunst des 17. Jahrhunderts in Quellen. Petersberg 2013, S. 20 f.


Letzte Aktualisierung: 23.11.2016


Wissenschaftliche Kommentare:

Hier können Sie uns Anmerkungen und Kommentare zu unseren Objekten hinterlassen, die nach Sichtung durch unsere Mitarbeiter allen Lesern angezeigt werden. Gerne können Sie uns dabei auch Ihren Namen und Ihre Institution nennen, es ist aber nicht erforderlich. Sie können uns auch Ihre E-Mail-Adresse mitteilen, die ausdrücklich nur von unseren Mitarbeitern eingesehen werden kann.

Bisher wurden keine Kommentare geschrieben.

Einen neuen Kommentar hinzufügen.




© Museumslandschaft Hessen Kassel 2017
Datenschutzhinweis | Impressum