Büste eines Mannes fast im Profil



Büste eines Mannes fast im Profil


Inventar Nr.: GK 247
Bezeichnung: Büste eines Mannes fast im Profil
Künstler: Rembrandt Harmensz. van Rijn (1606 - 1669), Werkstatt
Datierung: um 1645
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 21,1 x 17,9 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben 1750 durch Wilhelm VIII. auf der Verst. van Wassenaer Obdam, Den Haag, zusammen mit GK 248


Katalogtext:
Ein älterer Mann mit schütterem, grauem Vollbart und wirrem Haar wendet sich nach links. Seinen Kopf – fast im Profil – neigt er leicht nach unten, den Blick zum Boden gerichtet. Am Halsausschnitt seines dunkelbraunen Gewandes blitzt ein Streifen des Hemds auf. Der dunkle Hintergrund ist in braungrauem Ton gehalten. Das Licht trifft den Dargestellten von links vorne.
Die Zuschreibung an Rembrandt blieb lange erhalten; John C. van Dyke allerdings urteilte schon 1914 zu diesem Gemälde und seinem „Gegenstück“: „They are evidently studio memoranda made by pupils or followers of Rembrandt. A number of these small portraits are in existence. […] Any one of half a dozen pupils might have done them“. Tatsächlich erfüllen diese kleinen “Tronies” oder Charakterköpfe die Funktion, das Typische der Kunst des Meisters zu erfassen bzw. einen vorhandenen Studienkopf zur weiteren Verarbeitung zu fixieren. Im Fall dieses Gemäldes ist eine Weiterverwendung bekannt: Der Kopf taucht auf in dem um 1645 entstandenen Gemälde Das Gleichnis vom verborgenen Schatz im Acker in Budapest (Holz, 70,5 x 90 cm, Szépmüvészeit Múzeum, Inv.-Nr. 342). Der Maler dieses Bildes hob den Kopf leicht an, so daß der Blick nicht mehr nach unten, sondern nach links weit in die Ferne gerichtet ist. Da sich der Schatzgräber zugleich mit dem Oberkörper entgegengesetzt nach rechts wendet, straffen sich die Falten unterhalb des Ohrs, das selbst sehr gestreckt erscheint, in die Länge.
Eine Entstehungszeit um 1645 legt ein Stich nach dem Kasseler Bild von Samuel van Hoogstraten nah: Dieser war nach dem Tod seines Vater Dezember 1640 zu Rembrandt in die Lehre gegangen und später bis etwa 1648 als Assistent geblieben. Die Graphik im Gegensinn trägt im ersten Zustand das Datum 1646. Gegenüber dem Kasseler Gemälde wurde manche Details verfeinert, so die Falten am Halsausschnitt des Unterhemds oder die Musterung des Gewandes.
Dasselbe Blatt wurde 1657 als Illustration für das Titelblatts eines Pamphlets „Klachte der Quakers, over haren nieuwen martelaer, James Nailor“, verwandt, womit eine „Porträtaufnahme“ des „neuen Martyrers der Quäker“ suggeriert wird. Im dreiseitigen Text wird Naylor lächerlich gemacht und in eine Reihe mit den kläglich gescheiterten Wiedertäufern aus Münster gesetzt. James Naylor (um 1617–1660) machte damals in England als religiöser Eiferer Furore, wurde von seinen Anhängern zum Heiligen und Wundertäter erklärt. Mit seinem Äußeren versuchte er sich den gängigen Christusbildern anzugleichen, um als neuer Jesus zu wirken. Spätere graphische Bildnisse orientieren sich entsprechend an dem Typus des Salvator mundi oder kombinieren diesen mit dem Hut der Quäker. Ähnlichkeiten mit dem Dargestellten des Kasseler Gemäldes bestehen nicht.
Die Gemäldevorlage der Radierung Hoogstratens konnte also als unbestimmter Charakterkopf – eben kein konkretes Bildnis – eine Projektionsfläche für eine tragische Figur, ein Schicksal, eine ungeheure Erzählung dienen. So erhielten Radierungen von Jan van Vliet nach Vorlagen Rembrandts andere abwegige Identifizierungen, nach denen die eine George Rákóczy I, Prinz von Transylvanien, zwei andere Demokrit und Heraklit und eine weitere Philo von Alexandrien darstellen sollen. Nicht anders funktionierte im Prinzip die Verwendung in Rembrandts Werkstatt, wenn ein solcher Studienkopf in Varianten und Paraphrasen Bestandsteil von Historienbildern werden konnte.
In der Sammlung Wassenaer Obdam gab es acht gleich große Kopfbildnisse unter dem Autorennamen Rembrandts. Wilhelms Einkäufer, der Hofmaler Johann Georg von Freese, fand darunter ein Gegenstück zum Gemälde des Mannes fast im Profil, dessen Kopfmaßstab etwas größer ist. Es wurde aber auch in einer Graphik Samuel van Hoogstraetens reproduziert und später ebenso als Porträt eines religiösen Eiferers verwandt (GK 248). Diese Koinzidenz kann nicht zufällig sein, sondern läßt darauf schließen, daß beide Gemälde tatsächlich eine gemeinsame Provenienz seit ihrer Entstehung hatten. In der Versteigerungsliste folgen sie aufeinander wie z.B. auch ein weiteres offensichtliches Paar, Ein Kopf in Profil mit einem Turban sowie Ein Kopf mit einem braunen Turban. Die Auswahl Freeses folgte also gewissen Vorgaben der Sammlung Wassenaer Obdams bzw. des Versteigerungskataloges.


Literatur:
  • Hoet, Gerard: Catalogus of Naamlyst van Schilderyen, mit derzelver Pryzen. Zedert een langen Reeks van Jaaren zoo in Holland als op andere Plaatzen in het Openbaar verkogt. Den Haag 1752, 1770, Kat.Nr. 5, S. 290 (Bd. 2).
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Cassel 1783, Kat.Nr. 96, S. 64.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 225, S. 151.
  • Bode, Wilhelm; Hofstede de Groot, C. (mitwirkend): Rembrandt. Beschreibendes Verzeichniss seiner Gemälde mit den Heliographischen Nachbildungen. Geschichte seines Lebens und seiner Kunst. Paris 1897-1901, Kat.Nr. 309, S. 211-212 (Bd. 4).
  • Voll, Karl: Die Meisterwerke der königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. München 1904.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 247, S. 53.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 247, S. 63.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 245, S. 23.
  • Benesch, Otto: Rembrandt. Werk und Forschung. Wien 1935, Kat.Nr. dG. 374, S. 36.
  • Bredius, A.: Rembrandt Gemälde. Wien 1935.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 247, S. 22.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 247, S. 119-120.
  • Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, S. 114.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 26.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 16, 246-247.
  • Weber, Gregor J. M. u.a.: Rembrandt-Bilder. Die historische Sammlung der Kasseler Gemäldegalerie. Ausstellungskatalog Staatliche Museen Kassel. München 2006, Kat.Nr. 24, S. 185-188.
  • Sebastian Dohe/Herwig Guratzsch/Justus Lange: 'Die holländischen Bilder hab ich freilich gern'. Wilhelm Busch und die Alten Meister. Kassel 2013, Kat.Nr. 15, S. 143.


Letzte Aktualisierung: 14.11.2016


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