Antike Ruinen mit einem Relief und Staffagefiguren (Gegenstück zu GK 531)



Antike Ruinen mit einem Relief und Staffagefiguren (Gegenstück zu GK 531)


Inventar Nr.: GK 532
Bezeichnung: Antike Ruinen mit einem Relief und Staffagefiguren (Gegenstück zu GK 531)
Künstler: Marco Ricci (1676 - 1730)
Datierung: Anfang bis Mitte der 1720er Jahre
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 61 x 43 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben vor 1808


Katalogtext:
Mit Werken von Viviano Codazzi, Giovanni Ghisolfi oder Andrea Locatelli entwickelten sich Ruinenstücke seit dem 17. Jahrhundert zu einem beliebten Genre der Malerei. Insbesondere Adlige und wohlhabende Handelsreisende schätzten solche dekorativen Stücke als Souvenir ihrer „Grand Tour“.
In dieser Tradition stehen auch die Werke von Marco Ricci, einem Neffen und Schüler von Sebastiano Ricci. Er gilt als einer der Begründer der venezianischen Landschaftsmalerei des 18. Jahrhunderts. Vor allem für das Thema der Ruinenlandschaften lieferte er entscheidende Impulse (Ausst. Kat. Hannover/Düsseldorf 1991/92, S. 212).

Die beiden Kasseler Ruinenstücke, die trotz der vergleichbaren Größe nicht notwendigerweise Weise Pendants sind, können in die Spätzeit des Malers eingeordnet werden. In jeweils dicht ineinander verschachtelten Ruinen bewegen sich einige Figuren, deren Körpergröße im Vergleich mit der Architektur anschaulich die Monumentalität der antiken Gebäude veranschaulicht. Gleichzeitig wird die Zeitlichkeit auf ganz direkte Weise thematisiert, da nur noch Ruinen von der einstigen Größe des Römischen Reichs zeugen und die Natur diese in Besitz genommen hat. Auf der noch aufrecht stehenden Wand des Gebäudes wachsen bereits stattliche Sträucher (GK 531), und eine Palme ragt mitten aus der Ruinenlandschaft hervor (GK 532). Die Menschen, die die Szenen beleben, scheinen sich einerseits interessiert mit den Reliefs zu beschäftigen, andererseits vielleicht auch nur geeignetes Baumaterial zu suchen.

Die antikisch gekleideten Figuren, die möglicherweise von einem anderen Künstler eingefügt wurden (Sebastiano Ricci?), unterstützen den phantastisch-kunstvollen Charakter der beiden Gemälde. Hierin mag sich auch der wiederholt in der Forschung formulierte Einfluss von Allessandro Magnasco äußern, der in seinen Werken phantastisch anmutende Ruinenstücke oder Innenräume schuf, wie das Darmstädter Gemälde mit der „Klausur der Nonnen“ (GK 662).
Die beiden kleinformatigen Architekturstücke von Marco Ricci verraten die Kenntnisse antiker Originale, zeigen allerdings keine realen Situationen. Vielmehr studierte Ricci auf seinen drei belegten Romreisen ausgiebig die Antiken, setzte diese jedoch dann in seinen Gemälden frei zusammen. Im Vordergrund steht weniger ein archäologisch-antiquarisches Interesse als vielmehr die Erschaffung einer malerischen Komposition. Seit den 1720er Jahren schuf Ricci zudem eine Reihe von Radierungen mit Ruinenlandschaften, die seine Erfindungen weithin berühmt machten (Ausst. Kat. Belluno 1993, S. 295-335).
(J. Lange, 2011)


Literatur:
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 648 oder 649, S. 105 oder 106.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, Kat.Nr. 761, S. 125-126.
  • Parthey, Gustav: Deutscher Bildersaal. Verzeichnis der in Deutschland vorhandenen Ölbilder verstorbener Maler aller Schulen. Berlin 1863/64, Kat.Nr. 7-11, S. 360 (Bd. 2).
  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Kassel 1878, Kat.Nr. 761, S. 67.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 494, S. 314.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 532, S. 55.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 532, S. 65.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 532, S. 43.
  • Voss, Hermann; Harms, Juliane: Italienische Malerei des 17. und 18. Jh. Katalog der von der Stadt Wiesbaden und dem Nassauischen Kunstverein veranstaltete Ausstellung. Nassauisches Landesmuseum Wiesbaden. Ausstellung 5.1935 - 6.1935. Wiesbaden 1935, Kat.Nr. 160, S. 15.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 532, S. 124.
  • Martini, Egidio: La Pittura veneziana del Settecento. Venedig 1964, S. 176 Anm. 87, 90.
  • Busiri-Vici, Andrea: Andrea Locatelli. Rom 1976, S. 48.
  • Lehmann, Jürgen M.: Staatliche Kunstsammlungen Kassel. Katalog 1. Italienische, französische und spanische Gemälde des 16.-18. Jahrhunderts. Fridingen 1980, S. 223-224.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 249-250.
  • Lange, Justus u. a.: Dialoge. Barocke Meisterwerke aus Darmstadt zu Gast in Kassel. Petersberg 2011, Kat.Nr. 49, S. 140.


Letzte Aktualisierung: 26.02.2018


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