Blumenstillleben am Waldboden



Blumenstillleben am Waldboden


Inventar Nr.: GK 450
Bezeichnung: Blumenstillleben am Waldboden
Künstler: Rachel Ruysch (1664 - 1750)
Datierung: 1690 - 1700
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 93 x 74 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben vor 1749 durch Wilhelm VIII.


Katalogtext:
Das Gemälde Rachels Ruyschs, einer der herausragenden Vertreterinnen des holländischen Blumenstilllebens, bietet einen eigentümlichen Anblick: Am Ufer eines Gewässers lehnt ein abgestorbener, knorriger Holzstamm, aus dem eine Vielzahl prächtiger, in voller Blüte stehender Blumen hervorzusprießen scheint und sich wirkungsvoll von der düsteren Umgebung abhebt. Das Umfeld und der bemooste Untergrund werden belebt von verschiedensten Kleintieren und Insekten – Heuschrecke und Hirschkäfer, Schmetterlingen und Eidechsen, Fröschen, Schnecken und einer kleinen Schlange –, die zum Teil in artübergreifender Interaktion dargestellt sind.
Die Künstlerin schuf etwa zwölf solcher Waldbodenstücke (ital. sottobosco, niederl. bosgrondjes), die das Landschaftsbild mit dem Blumenstillleben und der Naturstudie zu einer beliebten neuen Gattung vereinten. Wegbereitende Vertreter des Genres waren Jan Davidsz. de Heem, Abraham Mignon sowie Otto Marseus von Schrieck, nach deren Vorbildern Ruysch gestaltete und auch kopierte: Das Kasseler Bild ist eine von drei Fassungen, die ein Einzelmotiv aus einer größeren Komposition de Heems selektiv nachbilden – eine damals durchaus gängige Praxis.
Kennzeichnend für das Waldbodenstillleben ist die bizarre, scheinbar paradoxe Verbindung von naturwissenschaftlich präziser Wiedergabe der Flora und Fauna und einem künstlich inszenierten Ambiente: So sind Ruyschs kostbare Zuchtblumen im Milieu des dunklen Waldes weder beheimatet noch überlebensfähig, und auch das Miteinander der Tiere gehört in den Bereich der, oftmals symbolisch gedeuteten, Fiktion. Darin zeigt sich die Verwandtschaft zum Blumenstillleben, dessen Statik hier jedoch durch lebendiges, wenn auch imaginäres Treiben aufgebrochen wird. Das künstlerische Interesse an diesen Motiven steht in engem Zusammenhang mit der zeittypischen Begeisterung für botanische und zoologische Studien, die sich in entsprechenden Publikationen und Naturaliensammlungen niederschlug. Die Kunst wird dabei zum Werkzeug und Zeugnis der wissenschaftlichen Aneignung fremder Lebenswelten. In den berühmten Amsterdamer Kollektionen des Anatomen und Botanikers Frederik Ruysch konnte dessen malende Tochter Rachel mannigfache Inspiration finden. Im Bild werden die Präparate solcher Sammlungen in einem natürlichen Umfeld zum Leben erweckt, dessen Pseudocharakter die Anschaulichkeit nicht etwa schmälert, sondern steigert. Dem Betrachter eröffnen sich ungewohnte Einblicke in ein mit den Merkmalen naturwissenschaftlicher Authentizität ausgestattetes Biotop, dessen inszenierter, erzählerischer Charakter zugleich keineswegs verleugnet wird. Das Ausmaß der Naturimitation ist auch am Einsatz der Abklatschtechnik fassbar, mit der die Künstlerin unter anderem echte Schmetterlingsflügel und Moose zum Abdruck auf der Leinwand einsetzte. Das dekorative Moment, das die Komposition kennzeichnet, weist voraus auf den Geschmack der Stillleben des 18. Jahrhunderts.


Literatur:
  • Segal, Sam: A Flowery Past. A Survey of Dutch and Flewish Flower Paiting from 1600 until the Present. Ausstellung Gallery P. de Boer Amsterdam 13.3. - 11.4.1982, Noordbrabants Museum 'S-Hertogenbosch 29.4. - 30.5.1982. Amsterdam/'S-Hertogenbosch 1982, S. 53 Anm. 13.
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Cassel 1783, Kat.Nr. 108, S. 68.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, Kat.Nr. 709, S. 118.
  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in dem Lokale der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Cassel 1878, Kat.Nr. 709, S. 64.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 413, S. 263-264.
  • Thieme, U. [Hrsg.]; Becker, F [Hrsg.]; Vollmer, H. [Hrsg.]: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Leipzig 1907-1950, S. 244 (Bd. 24).
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 450, S. 59.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 450, S. 70.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 450, S. 38.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 450, S. 57.
  • Grant, M. H.: Rachel Ruysch 1664-1750. Leigh-on-Sea 1956, Kat.Nr. 21, S. 27.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 450, S. 137.
  • Weber, Gregor J. M.: Stilleben alter Meister in der Kasseler Gemäldegalerie. Melsungen 1989, Kat.Nr. 31, S. 13, 35, 36.
  • Meijer, Fred. G.: Stillevens uit de Gouden Eeuw. Eigen Collectie. Rotterdam, Museum Boymans-van Beuningen 1989, Kat.Nr. 27, S. 102-103.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 141, 268.
  • Lange, Justus u. a.: Dialoge. Barocke Meisterwerke aus Darmstadt zu Gast in Kassel. Petersberg 2011, Kat.Nr. 22, S. 82.
  • Böhm-Krutzinna, Anita: Geheimminiaturen von Salomon Pinhas bis Leonardo da Vinci. Norderstedt 2015, S. 28.
  • Lange, Justus; Carrasco, Julia: Kunst und Illusion. Das Spiel mit dem Betrachter. Petersberg 2016, Kat.Nr. 48, S. 142.
  • Gutgesell, Natalie: Alexandra von Berckholtz. Malerin und Mäzenin im 19. Jahrhundert. Halle 2017, S. 100.


Letzte Aktualisierung: 23.05.2017


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