Bildnis eines Mannes mit Kreuz des Alcantara-Ordens



Bildnis eines Mannes mit Kreuz des Alcantara-Ordens


Inventar Nr.: GK 485
Bezeichnung: Bildnis eines Mannes mit Kreuz des Alcantara-Ordens
Künstler: Spanischer Meister (um 1550 - 55)
Datierung:
Geogr. Bezug: Spanien oder Frankreich
Material / Technik: Öl
Maße: 108,5 x 81 cm (Bildmaß)
Provenienz:

alter landgräflicher Besitz, zuerst nachweisbar unter Landgraf Carl


Katalogtext:
Das Gemälde ist vermutlich erstmals in der „Uhr Camer Nro V.“ im Kunsthaus-Inventar von 1747 unter der Nummer 411 verzeichnet: „Ein unbekanntes portrait in Lebensgrose, Spanischen habit und plumache aufm Kopf in einem schwartzen Rahmen.“ Die Umstände der Erwerbung liegen bislang im Dunkel. Ebenso verhält es sich mit der Identifikation des Dargestellten und des Künstlers. Im Inventar B aus dem Jahre 1775, das anlässlich der Öffnung der Galerie für die Öffentlichkeit aufgestellt wurde, heißt es unter Nummer 345: „Ein Kniestück von einem geharnischtem Mann, mit gelben Armen.“ Daneben liest man von anderer Hand den Namen „Parmigianino“, der später wieder durchgestrichen wurde. Damit wird zum ersten Mal ein Künstlername greifbar. Im Inventar 1816ff., eine Abschrift der älteren Inventare der Sammlungen von Landgraf Carl und Wilhelm VIII. sowie der dazugehörigen Supplements mit den Erwerbungen von 1760 bis 1841, wird man etwas genauer und schreibt unter Nr. 1110: „N.N. Pontormo Ein Gürtelstück eines Mannes in schwarzem Anzug mit gelben Ermel und ein Barret auf dem Kopf“. Dieser Künstlername wird in den folgenden gedruckten Katalogen weitergeführt. Schon bald aber werden Zweifel an dieser Zuschreibung gehegt. Im ersten wissenschaftlichen Katalog von Oscar Eisenmann 1888 liest man denn auch bereits: „Die Autorschaft des Puntormo erscheint nicht völlig gesichert.“ Daran anschließend entfaltet sich ein bunter Fächer von Zuschreibungen. Nachdem die Forschung zunächst einen Italiener als Künstler vermutete, folgte ein Niederländer (Anthonis Mor). Später meinte man einen Franzosen (Francois Clouet), danach sogar einen Engländer (Gerlach Flicke) als den Schöpfer des Gemäldes zu erkennen. Schließlich fiel der Blick auf die iberische Halbinsel, wobei man zunächst nach einem spanischen, später einem portugiesischen Künstler Ausschau hielt (Alonso Sánchez Coello, Juan Pantoja de la Cruz, Joan de Joanes, Cristóvão de Morais). Einigkeit herrschte bei all der Suche nur über die ungefähre zeitliche Ansetzung des Portraits, das aufgrund der Kleidungsform um 1550 entstanden sein muss.

Der Portraittypus des Kasseler Gemäldes ist demjenigen sehr verwandt, den Anthonis Mor in Spanien einführte. Die Wirkung des Künstlers, in Spanien Antonio Moro genannt, auf die Portraitmalerei der iberischen Halbinsel war sehr nachhaltig. Hinsichtlich der Komposition, der statuarischen Strenge und sogar einiger Details der Kleidung scheint das Portrait von Philipp II. im Museo de Bellas Artes in Bilbao vergleichbar, das 1549/50 entstand. Verwandt ist auch Mors 1550 entstandenes Bildnis von Maximilian II. in ganzer Figur im Museo del Prado in Madrid. Das Kasseler Werk ist jedoch in der Ausführung nicht ganz so brillant wie die beiden genannten Werke von Mor. Es liegt also nahe, dass es im Anschluss an die Werke von Mor entstand, auf dessen Portraits der Künstler des Kasseler Gemäldes eindeutig rekurriert. Am wahrscheinlichsten handelt es sich um einen spanischen oder portugiesischen Künstler in der Nachfolge Anthonis Mors. Ein möglicher Kandidat wäre hierfür Cristóvão de Morais (Morales), dessen Oeuvre nach den Forschungen der letzten Jahre langsam Gestalt annimmt. Stefanie Breuer hat seine Malerei treffend beschrieben: „Die ovalen Gesichter sind stark zum Dreiviertelprofil gewendet und weisen bei den Jünglingsbildnissen dunkle Schattenpartien in der verkürzten Gesichtshälfte auf. Typisch für Morales sind die schlitzförmigen, schräggestellten Augen, die langer schmale Nase, das spitz zulaufende Ohr […]. Die Hände wirken weich und kraftlos, die Bewegungen vorsichtig und zurückgenommen; die extrem langen Finger laufen nach vorn konisch zu.“ Diese Charakteristika teilt auch das Kasseler Gemälde. Lässt sich also der Künstler innerhalb der spanischen bzw. portugiesischen Nachfolger von Anthonis Mor eingrenzen, so ist die Suche nach der Identität des Dargestellten erfolglos gewesen. Bislang wurden der Dichter Garcilaso de la Vega bzw. sein Neffe Garcilaso de la Vega, el Inca vorgeschlagen. Beide Vorschläge konnten nicht überzeugen. Überraschende Ähnlichkeit ergibt sich allerdings zu einer Graphik, die als Bildnis des Konquistador Alvar Nuñez Cabeza de Vaca bezeichnet wird. Dies betrifft sowohl physiognomische Details wie die markante Nase als auch das Halsband mit dem Orden der Ritter von Alcántara. Leider ist jedoch weder die Identität des Dargestellten des Holzschnittes eindeutig gesichert, noch gibt es einen dokumentarischen Beleg für die Zugehörigkeit von Cabeza de Vaca zum Ritterorden von Alcántara. Somit muss diese spannende Frage weiterhin offen bleiben.
(J. Lange, 2010)


Inventare:
  • Weinberger Cornelia: Inventarium von denen in dem königl. hfrstl. kunsthaus befindlichen schildereien, rissen, zeichnungen, kupferstichen und sonstigen sachen, welche in dem summarischen inventario de a° 1744 [...] nicht enthalten. Kassel 1747, S. 45, Nr. 458.
Literatur:
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 27, S. 6.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, Kat.Nr. 45, S. 10.
  • Parthey, Gustav: Deutscher Bildersaal. Verzeichnis der in Deutschland vorhandenen Ölbilder verstorbener Maler aller Schulen. Berlin 1863/64, Kat.Nr. 11, S. 266 (Bd. 1).
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 447, S. 288.
  • Jusit, C.: Ein Bildnis des Dichter Garcilaso de la Vega. In: Jahrbuch der königlich preussischen Kunstsammlungen 14 (1893), S. 177-190.
  • Voll, Karl: Die Meisterwerke der königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. München 1904.
  • Thieme, U. [Hrsg.]; Becker, F. [Hrsg.]; Vollmer, H. [Hrsg.]: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Leipzig 1907-1950, S. 95 (Bd. 12, 1916).
  • Hymans, Henri: Antonio Moro. Son oeuvre et son temps. Brüssel 1910, S. 167.
  • Cust, Lionel: Notes an various works of art. In: The Burlington Magazine 19 (1911), S, S. 239.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 485, S. 64.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 485, S. 75.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 485, S. 40.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 485, S. 80.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 485, S. 144-145.
  • Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, S. 128, 139.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 40, 51.
  • Lehmann, Jürgen M.: Staatliche Kunstsammlungen Kassel. Katalog 1. Italienische, französische und spanische Gemälde des 16.-18. Jahrhunderts. Fridingen 1980, S. 10, 246.
  • Lehmann, Jürgen Michael: Italienische, französische und spanische Meister in der Kasseler Gemäldegalerie. Sonderdruck für die Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Melsungen 1986, S. 51.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 286.


Letzte Aktualisierung: 01.03.2018


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