Trompe l`oeil mit Rundbild "Die Heilige Familie"



Trompe l`oeil mit Rundbild "Die Heilige Familie"


Inventar Nr.: GK 609
Bezeichnung: Trompe l`oeil mit Rundbild "Die Heilige Familie"
Künstler: unbekannt
Datierung: 1. H. 17. Jh.
Geogr. Bezug: Süddeutschland (Künstler)
Material / Technik: Eichenholz
Maße: 23,3 x 18 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben vor 1749 durch Wilhelm VIII.


Katalogtext:
Das kleinformatige Tafelgemälde zeigt ein scheinbar an einem Nagel aufgehängtes Rundbild im Holzrahmen. Sowohl die Aufhängung mit einer Kordel als auch die hölzerne Rahmung mit der Imitation der Maserung verstärken den illusionistischen Eindruck eines tatsächlichen kleinen Tondos, der vor einer graublau gehaltenen Wand zu hängen scheint. Ungewöhnlich ist, dass das Licht – entgegen der malerischen Tradition – von der rechten Seite kommt, weshalb sich auf der linken Seite des Rahmens und der Kordel deutliche Schatten abzeichnen.

Trotz des kleinen Formats ist die Illusion, ein tatsächliches Tondo vor Augen zu haben, überzeugend. Die Art dieser realistischen Darstellung von Gemälden innerhalb eines Gemäldes hat in der abendländischen Kunst eine bis in das 15. Jahrhundert zurückreichende Tradition. Insbesondere im 17. Jahrhundert erfreute sich dieses Motiv in den Niederlanden großer Beliebtheit. Indem die Darstellung im Kasseler Gemälde sich von jeglichem erzählerischen Kontext löst und allein auf die Imitation eines Gemäldes konzentriert, erhöht sich der Eindruck einer Täuschung. Im Vordergrund steht das Spiel mit dem Betrachter. Damit ist das Werk einerseits mit den Trompe-lʼŒil-Gemälden mit Imitationen an die Wand angehefteter Graphiken (vgl. Kat. Nr. 4 und 5) oder Jagdinstrumenten (Kat. Nr. 27) vergleichbar. Andererseits erhält die Tafel einen selbstreferentiellen Charakter, da sie im Medium der Malerei ein tatsächliches Gemälde imitiert. In dieser Konzentration auf ein einziges gemaltes Gemälde stellt das Werk durchaus einen Sonderfall dar.

Das in der Forschung bislang kaum beachtete Gemälde wurde im 18. Jahrhundert als Werk Hans Rottenhammers (Die Unterweisung Mariae von Anna) erworben. Bereits Oscar Eisenmann fand das Werk – nun als Heilige Familie bezeichnet – jedoch „fremdartig für ihn und eher von einem schwachen Niederländer“. Rudolf Arthur Peltzer stimmte dieser Abschreibung zu und katalogisierte es unter den falschen Zuschreibungen. Bernhard Schnackenburg sah die Figurenkomposition vom Spätmanierismus der Prager Schule abgeleitet und vermutete einen süddeutschen Meister der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Als Vergleich diente ihm ein Stich von Lucas Kilian nach einem Entwurf von Hans von Aachen. Vor allem die zu einer kompakten Figurengruppe gedrängte Komposition scheint verwandt. Ein Stich von Aegidius Sadeler nach Bartholomäus Spranger zeigt ebenfalls Übereinstimmungen in der Figur des schlafenden Joseph im Hintergrund sowie dem gen Himmel gerichteten Blick des Jesuskindes. Beide Stiche stellen die Heilige Familie dar und können die stilistische Herkunft des Kasseler Tafelgemäldes aus dem Prager Spätmanierismus verdeutlichen. Dargestellt ist hier jedoch die Szene der Unterweisung Mariens durch ihre Mutter Anna mit Joachim im Hintergrund. Wenngleich sich beide Themen ikonographisch sehr verwandt sind, ist das aufgeschlagene Buch, das Anna in der einen Hand hält, um mit der anderen Maria zu umfassen, ein eindeutiges Identifizierungsmerkmal. Maria hält in ihrer Rechten einen kleinen Stift und blickt zu ihrer Mutter empor. Im Hintergrund schläft ihr Vater, sein Haupt auf ein Tuch gebettet.

Ob die Wahl des Sujets des kleinen Tondos darüber hinaus auch als Sinnbild für die belehrende Wirkung von Malerei zu verstehen ist oder als Hinweis für die Kraft eines religiösen Andachtsbildes stehen soll, bleibt offen.


Literatur:
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Cassel 1830, Kat.Nr. 135, S. 26.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 609, S. 58.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 609, S. 68.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 609, S. 47.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 609, S. 35.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 609, S. 130.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 290-291.
  • Lange, Justus; Carrasco, Julia: Kunst und Illusion. Das Spiel mit dem Betrachter. Petersberg 2016, Kat.Nr. 28, S. 92.


Letzte Aktualisierung: 20.09.2017


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