Die Flucht nach Ägypten



Die Flucht nach Ägypten


Inventar Nr.: GK 87
Bezeichnung: Die Flucht nach Ägypten
Künstler: Peter Paul Rubens (1577 - 1640)
Datierung: 1614
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 40,5 x 53 cm (Bildmaß)
61 x 74 x 7 cm (Rahmenmaß)
Provenienz:

erworben vermutlich 1735 auf der Verst. Johan van Schuylenburgh, Den Haag, durch Wilhelm VIII.


Katalogtext:
„… ich würde wünschen, dass jene Kupfertafel mit der Flucht unserer Jungfrau nach Ägypten, von der Sie schreiben, in die Hände irgendeines Landsmannes gelangen möge, der es in dieses Land brächte, …“ schrieb Rubens Anfang des Jahres 1611, nachdem er von dem frühen Tode seines verehrten Malerkollegen Adam Elsheimer erfahren hatte. Das erwähnte Gemälde kannte der Künstler vermutlich nicht aus eigener Anschauung, sondern nur über die Beschreibung des Dr. Johann Faber, des Empfängers dieser Zeilen. Ob Rubens die Radierung Goudts kannte, bleibt ebenfalls ungewiss. Sicher ist nur, dass sich der flämische Meister auf zentrale Motive des Vorbilds bezieht und damit eine Art Hommage an dessen bewunderte Darstellung schafft. Dies wird auch durch das gewählte Bildformat deutlich, das in Höhe und Breite nur jeweils etwa 10 cm größer ist als jenes der Kupfertafel Elsheimers.
Beide Gemälde zeigen die Heilige Familie auf ihrer nächtlichen Flucht vor den Häschern des Herodes. Während bei Elsheimer die Landschaft breiten Raum in der Darstellung einnimmt, komprimiert Rubens die Szene deutlich, indem er sich auf die monumental im Vordergrund wiedergegebene Figurengruppe der fliehenden Familie konzentriert, die hier von zwei Engeln angeführt wird. Die Landschaft, die bei Elsheimer gegenüber den Figuren noch als gleichberechtigtes Bildelement auftritt, ist hier auf ein nicht näher spezifiziertes Dunkel reduziert, von dem sich das Geschehen am vorderen Bildrand stimmungsvoll abhebt. Angelegt als tiefschwarze Folie öffnet sich der Hintergrund nur am rechten Bildrand zu einem Ausblick auf einen See, in dem sich Abendhimmel und Mond spiegeln. Dieses Motiv ist bereits bei Elsheimer vorhanden und wird durch Rubens nur leicht abgewandelt, der statt des ursprünglichen Vollmonds nur noch eine schmale Sichel zeigt. Die hierdurch erzielte Steigerung der nächtlichen Dunkelheit erhöht auch die Dramatik der Szene, die durch die Figuren vermittelt wird: Dem hastigen Antreiben der beiden Engel folgt der rückwärtsgewandte Blick von Josef, der am gegenüberliegenden Ufer einen schattenhaften Reiter erblickt.
Rubens beschränkt sich in seiner Darstellung auf zwei Lichtquellen, die durch die Spiegelungen des Wassers verstärkt werden. Ein sakrales Leuchtlicht, das scheinbar vom Jesusknaben ausgeht und die Figuren illuminiert, verbindet sich mit dem natürlichen Licht des Mondes im ausschnitthaften Landschaftshintergrund. Dabei wirkt das bildliche Lichtgefüge auf den ersten Blick in hohem Maße naturalistisch und die Ausbreitung und gleichzeitige proportionale Reduzierung des Lichts im Raum lässt sich in Kreisform nachvollziehen.
Das göttliche Leuchten würde einer Bedeutung Christi als lumen mundi, als Licht der Welt, entsprechen und sich damit ganz der katholischen bzw. gegenreformatorischen Bildsprache bedienen, die das göttliche Wunder in das Zentrum des Bildes treten lässt. Wie Schöne bemerkte, trägt das Licht jedoch nicht konsequent einen sakralen Charakter, da das Kind einen Schatten auf die Brust der Mutter wirft und somit nicht selbst als Lichtquelle in Frage kommt. Diese wäre vielmehr in einer Fackel zu suchen, die unsichtbar bleibt und erst in der zwei Jahrzehnte später entstandenen Druckgraphik des Künstlers in Erscheinung tritt.
(T. Trümper, 2011)


Literatur:
  • Hoet, Gerard: Catalogus of Naamlyst van Schilderyen, mit derzelver Pryzen. Zedert een langen Reeks van Jaaren zoo in Holland als op andere Plaatzen in het Openbaar verkogt. Den Haag 1752, 1770, Kat.Nr. 23, S. 446 (Bd. 1).
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  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Kassel 1878, Kat.Nr. 176, S. 17-18.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 78, S. 53-53.
  • Voll, Karl: Die Meisterwerke der königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. München 1904.
  • Restorff, Niels: Die Flucht nach Ägypten von Rubens. In: Repertorium für Kunstwissenschaft 31 (1908), S. 470-475, S. 475.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 87, S. 58.
  • Oldenbourg, Rudolf; Bode, Wilhelm von (Hrsg.): Peter Paul Rubens. Sammlung der von Rudolf Oldenbourg veröffentlichten oder zur Veröffentlichung vorbereiteten Abhandlungen über den Meister. München/Berlin 1922, S. 10.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 87, S. 69.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 86, S. 12.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 87, S. 12-13.
  • Evers, Hans Gerhard: Peter Paul Rubens. München 1942, S. 226-227 Anm. 196.
  • European Paintings from the Gulbenkian Collection. National Gallery of Art. Washington 1950, S. 90.
  • Puyvelde, Leo van: Rubens. Brüssel/Paris 1952, S. 108.
  • Drost, Willi: Adam Elsheimer und sein Kreis. Potsdam 1933, S. 185.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 87, S. 132-133.
  • Kuile, Engelbert Hendrik Ter; Gerson, Horst Karl: Art and Architecture in Belgium 1600 to 1800. Harmondsworth 1960, S. 81.
  • Vogel, Hans: 45 Gemälde der Kasseler Galerie. Kassel 1961, S. 72.
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  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 18, 82.
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  • Schnackenburg, Bernhard: Flämische Meister in der Kasseler Gemäldegalerie. Kassel 1985, Kat.Nr. 16, S. 26.
  • Beisheim, Johannes; Ketelsen, Thomas: Bibelbilder (mit Erläuterungen zu Werken der Kasseler Gemäldegalerie Alte Meister von T. Ketelsen). Kassel 1992, Kat.Nr. 19.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 261.
  • Justus Lange/Christine van Mulders/Bernhard Schnackenburg/Joost Vander Auwera: Pan & Syrinx. Eine erotische Jagd. Peter Paul Rubens, Jan Brueghel und ihre Zeitgenossen. Kassel 2004, Kat.Nr. 1, S. 19, 32, 102.
  • Christiaan Vogelaar/Gregor J. M. Weber: Rembrandts Landschaften. Kassel 2006, S. 114, 117.
  • Lange, Justus u.a.: Lichtgefüge. Das Licht im Zeitalter von Rembrandt und Vermeer. Petersberg 2011, Kat.Nr. 19, S. 70-71.
  • Hans Devisscher/Hans Vlieghe: Corpus Rubenianum. Ludwig Burchard. Part V (1): Rubens. The Life of Christ before the Passion. The youth of Christ. Volume two. London/Turnhout 2014.
  • Hans Devisscher/Hans Vlieghe: Corpus Rubenianum. Ludwig Burchard. Part V (1): Rubens. The Life of Christ before the Passion. The youth of Christ. Volume one. London/ Turnhout 2014, S. 237-238.
  • Rubens. Kraft der Verwandlung. Kat.Kunsthistorisches Museum Wien/Städel Museum Frankfurt a. M. München 2017, S. 63.


Letzte Aktualisierung: 24.05.2018


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