Das Innere der Marienkirche in Utrecht, Queransicht aus dem nördlichen Seitenschiff



Das Innere der Marienkirche in Utrecht, Queransicht aus dem nördlichen Seitenschiff


Inventar Nr.: GK 427
Bezeichnung: Das Innere der Marienkirche in Utrecht, Queransicht aus dem nördlichen Seitenschiff
Künstler: Pieter Jansz. Saenredam (1597 - 1665)
Datierung: 1637
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Eichenholz
Maße: 40 x 49,8 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben 1738 durch Wilhelm VIII. vom A. Rutgers in Amsterdam


Katalogtext:
Aus dem nördlichen Seitenschiff fällt der Blick durch zwei Arkaden in das Mittelschiff und das gegenüberliegende Seitenschiff der Marienkirche in Utrecht. Die reformierte Kirche präsentiert sich als ein fast vollständig leerer Raum, in dem nur das mittelalterliche Marienbild am linken Pfeiler eindeutig auf die Funktion des Ortes verweist.
Der Haarlemer Künstler Pieter Saenredam kann als Begründer der holländischen Architekturmalerei gelten. Er spezialisierte sich als erster Maler auf die Darstellung realer Kirchenräume. Die Marienkirche nimmt im Werk des Künstlers, der sich mit diesem Bauwerk intensiv auseinandersetzte, eine besondere Stellung ein. Vor Ort fertigte Saenredam perspektivisch genaue Zeichnungen an, deren dokumentarischer Charakter durch Signatur und Datierung und nicht selten durch den Zusatz „naer hat leven“ (nach dem Leben) verstärkt wird. Der Flucht- oder Augenpunkt wird auf diesen Zeichnungen mit einem kleinen Symbol gekennzeichnet und erleichtert die anschließende Übertragung auf ein mit einem Gittersystem versehenes Blatt größeren Formats, welches als eigentliche Vorlage für das Gemälde dient. Erst spät hat die Wissenschaft festgestellt, dass sich während dieses Prozesses die Darstellung verändert und der Künstler motivische und kompositorische Manipulationen vornimmt. Der Begriff des „Architekturporträts“, für welchen die Gemälde lange Zeit standen, wird diesen Arbeiten folglich nicht gerecht.
Gegenüber der erhaltenen Zeichnung vom Juli 1636 (Utrecht, Het Utrecht Archief, inv.nr. TA Id 4.21.) auf die sich das Kasseler Gemälde bezieht, wurde der Vordergrund erweitert sowie Ausstattungs- und Dekorationselemente weggelassen. Die im Zentrum stehende Säule wirkt dadurch gestreckter und die Architektur des Innenraums kommt insgesamt in größerer Klarheit zur Geltung. Durch das Hinzufügen der zwergenhaften Staffagefiguren (möglicherweise von anderer Hand) wird außerdem der monumentale Eindruck des Gebäudes verstärkt.
Die vielfältigen Architekturelemente werden durch die Farbigkeit und das Spiel von Licht und Schatten akzentuiert. Es ist von einer regelrechten Lichtmalerei zu sprechen, die im Gegensatz etwa zu Ter Borch ganz im Dienste der Architektur steht. Die Schattenwürfe wurden bereits in der Vorzeichnung differenziert angelegt und im Gemälde farbige Hell-Dunkel-Abstufungen übersetzt, die der jeweiligen Beleuchtungssituation entsprechen und das Gebäude in seine einzelnen Elemente gliedert. Die dunkelsten Bereiche im Vordergrund treffen dabei unmittelbar auf die hellsten Zonen der sonnendurchfluteten Südfenster, wodurch räumliche Tiefe erzeugt wird.

Insgesamt ist das Gemälde von einer Vielfalt verschiedener Erscheinungsformen geprägt, die sowohl die architektonischen Elemente als auch das differenzierte Spiel von Licht und Schatten betreffen und dabei auf erzählerische Zusätze verzichtet. Einzig die Kirchenbesucher und die sichtbaren Spuren des materiellen Verfalls vermögen den sachlich- abstrakten Charakter der Darstellung etwas aufzulockern. In den Jahren 1813-16 wurde die Kirche abgerissen, wodurch das Gemälde Saenredams wegen des Verlustes dieser eindrucksvollen Architektur aus historischem Blickwinkel betrachtet einen fast melancholischen Charakter erhält.
Zu der wiederholten und ausführlichen Auseinandersetzung des Künstlers mit der Marienkirche in Utrecht könnte dessen freundschaftlicher Kontakt zu Constantijn Huygens beigetragen haben, der nicht nur ein wichtiger Sammler war, sondern auch als Gelehrter in Erscheinung trat und sich u. a. zu kunsttheoretischen Fragen äußerte. Huygens verfasste ein Gedicht über dieses Bauwerk und war zudem im Besitz von zwei malerischen Ansichten der Marienkirche von Saenredam.
(T. Trümper, 2011)


Literatur:
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, Kat.Nr. 126, S. 126.
  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Kassel 1878, Kat.Nr. 288, S. 28.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 392, S. 248.
  • Muller, S.: Utrecht's Mariekerk. In: Oud Holland 20 (1902), S. 193-206, S. 202.
  • Jantzen, Hans: Das niederländische Architekturbild. Braunschweig 1910, Kat.Nr. 407, S. 169.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 427, S. 60.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 427, S. 71.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 427, S. 36.
  • Swillens, P. T. A.: Pieter Janszoon Saenredam. Schilder van Haarlem 1597-1665. Soest 1935/1970, Kat.Nr. 144, S. 110.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 427, S. 137-138.
  • Vogel, Hans: 45 Gemälde der Kasseler Galerie. Kassel 1961, S. 76.
  • Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, S. 107.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 19, 90.
  • Lehmann, Jürgen M.; Verein der Freunde der Kasseler Kunstsammlungen, Kassel e. V. (Hrsg.): Gemäldegalerie Alte Meister. Schloß Wilhelmstal. Bildheft mit 100 Meisterwerken. Kassel 1975.
  • Jantzen, Hans: Das niederländische Architekturbild. 2. Aufl. Braunschweig 1979, Kat.Nr. 407, S. 232.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 269.
  • Lange, Justus u.a.: Lichtgefüge. Das Licht im Zeitalter von Rembrandt und Vermeer. Petersberg 2011, Kat.Nr. 37, S. 110-111.


Letzte Aktualisierung: 26.02.2018


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