Mädchen mit Huhn im Fenster



Mädchen mit Huhn im Fenster


Inventar Nr.: GK 259
Bezeichnung: Mädchen mit Huhn im Fenster
Künstler: Dominicus van Tol (nach 1630 - 1676)
Datierung:
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 48,8 x 37,1 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben vor 1749 durch Wilhelm VIII.


Katalogtext:
Als Neffe des von Philips Angel als „holländischer Parrhasius“ gerühmten Gerard Dou (1613–1675) stand Dominicus van Tol eng in dessen künstlerischer Nachfolge. Das Motiv der Dienstmagd im Fenster, die hier, mit der Linken auf einen metallen schimmernden Marktkorb gestützt, dem Betrachter mit der rechten Hand ein totes Huhn entgegenhält, ist von Dou eingeführt worden. Vogel und Geflügel stehen häufig für Wollust, denn das
davon abgeleitete (umgangssprachliche) Wort vogelen (vögeln) galt schon im 17. Jahrhundert als Synonym für Geschlechtsverkehr. Die Magd wird weiterhin durch eine Perlenkette im Dekolleté unter der leicht geöffneten Bluse als sich nicht standesgemäß gebarend gekennzeichnet. Links von ihr öffnet sich der Raum in den Hintergrund und gibt den Blick auf einen vornehm gekleideten jungen Mann frei. Möglicherweise soll ihm die anbietende Geste gelten, womit er stellvertretend für den Betrachter des Bildes in den Genuss der darauf
möglicherweise folgenden Handlungen kommen mag. Inhaltlich kann das Relief, das den Rahmen des Fensters schmückt, diese Deutung unterstützen:
Es zeigt einige ausgelassene Putten, die einen Ziegenbock necken, der traditionell als Anspielung auf den Geschlechtstrieb gedeutet wird. Ein Putto
hält sich eine Maske vor das Gesicht, was als Hinweis auf die betrügerische Imitation gedeutet werden kann. Löblich zu betrügen war laut der zeitgenössischen Kunsttheorie nicht nur statthaft, sondern im Grunde genommen Ziel im Sinne der Vollkommenheit eines Gemäldes. Das Motiv geht auf den flämischen Bildhauer François Duquesnoy (1597–1643) zurück. Das Relief en grisaille war in den Niederlanden bekannt und diente als Vorlage für Dou. Es gerät in der Leidener Feinmalerei in dessen Nachfolge
zum Standardmotiv. Die komplexe „Darstellung einer Darstellung“ – der Künstler ahmt hier jeweils nicht (nur) die Natur nach, sondern imitiert die Arbeit eines Künstlers, ja versucht sogar diese zu übertreffen – steht in der Funktion des Wettstreits (Paragone) zwischen verschiedenen Kunstdisziplinen. Das steinerne Brüstungsrelief wird von van Tol variiert. Am linken Bildrand steht – in den Betrachterraum hineinragend – ein bepflanzter irdener Topf mit einem plastisch modellierten floralen Muster, der das Puttenrelief überschneidet. Die Illusion des Raums im Raum wird durch das
Vorhangmotiv, das ebenfalls in den Betrachterraum ragt und darüber hinaus eine täuschend echte Materialtextur aufweist, perfektioniert. Die Imitation der unterschiedlichen Materialien wird auf die Spitze getrieben, um den Streit zwischen Malerei und Bildhauerei zu beenden, denn, wie Philips Angel zusammenfasst, ist „[…] die Malerei viel allgemeiner […], weil sie die Natur viel umfassender nachzuahmen vermag: […] so kann sie auch allerlei Metalle darstellen; sie unterscheidet diese […]. Man kann durch sie […] noch mehr solche Dinge darstellen […], von denen die Bildhauer kein einziges nachahmen können." Durch das Relief unterhalb der Fensternische wird einerseits die Paragone-Thematik unterstrichen, andererseits betont dieses die Künstlichkeit des Sujets, da die Fenster holländischer Häuser solcherlei
Schmuck nicht aufwiesen, wie der Zeitgenosse sofort erkannt haben musste.Wie Kleinmann zusammenfasst, war ein reines Trompe-l’OEil auch nicht Ziel der Leidener Feinmalerei.Vielmehr war es wohl Absicht „[…] mit Hilfe illusionistischer Qualitäten das Interesse des Betrachters zu wecken, ihn aber beim Nähertreten zu enttäuschen, da erst die Ent-täuschung zum ästhetischen Vergnügen führt.“ Im traditionellen Sinn ist die Auseinandersetzung der Leidener Feinmaler laut Peter Hecht auch kaum mehr ein Paragone. Für diese Maler war der sogenannte Wettstreit mit der Bildhauerei offenbar „längst gewonnen und vorbei“.
(I. Beckmann, 2015)


Literatur:
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, Kat.Nr. 96, S. 116.
  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Kassel 1878, Kat.Nr. 907, S. 80.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 235, S. 156.
  • Voll, Karl: Die Meisterwerke der königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. München 1904.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 259, S. 72.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 259, S. 84.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 259, S. 24.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 259, S. 61.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 259, S. 159.
  • Bernt, Walther: Die Niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts. 2. Aufl. München 1960/62, Kat.Nr. 836.
  • Bernt, Walther: Die Niederländischen Maler und Zeichner des 17. Jahrhunderts. 4. Aufl. München 1979/80, Kat.Nr. 1265, S. 32-33 (Bd. 3).
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 297.
  • Lange, Justus; Carrasco, Julia: Kunst und Illusion. Das Spiel mit dem Betrachter. Petersberg 2016, Kat.Nr. 9, S. 48, 50.


Letzte Aktualisierung: 27.02.2018


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