Verkündigung an Maria



Verkündigung an Maria


Inventar Nr.: GK 1209
Bezeichnung: Verkündigung an Maria
Künstler: Wolfgang Avemann (1583 - nach 1620)
Datierung: um 1608 - 1609
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 14,9 x 21,6 cm (Bildmaß)


Katalogtext:
Die kleine Kupfertafel verdient in zweifacher Hinsicht besonderes Interesse, als Historienbild religiösen Inhalts eines zur Zeit von Landgraf Moritz in Kassel tätigen Malers und als einziges heute nachweisbares Werk dieses Künstlers. Erst 1996 tauchte es im Kunsthandel auf und konnte für die Kasseler Gemäldegalerie erworben werden (Verst. Gal. Fischer Luzern, 26.11.1996, Nr. 2009). Zwei auf der Rückseite "WAvemann Cassel 1609" signierte Gemälde aus der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau, beide Kircheninterieurs, eines mit der Staffage Christus und die Ehebrecherin, sind seit 1945 verschollen (Bestandskatalog Amalienstiftung Dessau, 1913, N.324 und 325). Die spärlichen Nachrichten über den hessischen Maler Avemann (auch Auemann, Aumann) stammen aus Nürnberger Quellen. Am 21. Juni 1610 wendet sich "Wolff Auemanns, von Caßel, maler" an den Rat der Stadt mit einer Beschwerde über den Konkurrenzeid der einheimischen Kollegen und dem Antrag auf Meisterprobe und Bürgerrecht. Bereits am 4. Juli wird ihm, "so vor andern seiner kunst halben berühmbt", das Bürgerrecht verliehen (Hampe). Am 28. Juli 1612 wird er Meister. Der zeitgenössische Nürnberger Maler und Chronist Johann Hauer berichtet über Avemann: "Ward in Hessen erstochen, hat schöne Perspektivkirchen auf Steinwegs Art gemalt". Das vorliegende Werk bestätigt diese Einordnung vollkommen. Es ist naheliegend, dass der aus Hessen, vielleicht aus Kassel stammende Wolfgang Avemann seine Ausbildung in Frankfurt suchte, das durch niederländische Glaubensflüchtlinge zu einer Kunstmetropole geworden war. Hendrick van Steenwijck d.Ä. (um 1550-1603) war 1585 von Antwerpen dorthin gezogen. Wahrscheinlich war Avemann Altersgenosse und Mitschüler des gleichnamigen Sohnes und Nachfolgers (um 1580 bis 1649), dessen mehr gelockerter Handschrift das Kasseler Verkündungsbild vor allem verwandt ist. Komposition und Kolorit von Avemanns nachgedunkelter Malerei mit kühlen, silbrig-blauen Anteilen sind ebenfalls von Steenwijck d.J. abhängig. Für die Figuren und das Beiwerk konnte Avemann aus der reichen niederländischen Graphik des späten 16. Jhs. Anregung schöpfen. Allein im Stichwerk des Marten de Vos gibt es neun Verkündigungsdarstellungen, mit wiederkehrenden Requisiten wie dem runden Bettbaldachin und der Blumenvase, die auch in Avemanns Bild zu finden sind (Hollstein G, Bd. XLIV, Nr. 256, 268, 276, 352, 407, 523-526). Der reiche Blumenstrauß könnte durch eine von J. Sadeler herausgegebene Stichserie (Hollstein G, Bd. XXI, XXII, S. 287) inspiriert sein. Die tänzerische Eleganz des Engels Gabriels scheint Avemanns eigene Erfindung zu sein. Wichtige Elemente der Graphik aus dem gegenreformatorischen Flandern lässt Avemann allerdings weg, den sich öffnenden Himmel mit Strahlenglanz und Geist-Taube, die Nimben, alle Zeichen des Göttlichen und Heiligen. Seine Reduktion auf die Erzählung bei Lukas 1, 26-38, kann als biblische Historie im Geist des Protestantismus verstanden werden, erbauend, aber nicht zur Devotierung verführend (zu Luthers Auffassung des Verkündigungsthemas vgl. Martin Luther und die Reformation in Deutschland, Nürnberg 1983, S. 360, Nr. 479). Ein Schlüssel zur weiteren Interpretation ist der kleine Flügelaltar auf der Empore, hinter einer erleuchtenden und hervorhebenden Öllampe. Eingerahmt von zwei stehenden Figuren ist dort die auf Befehl Gottes zur Errettung der Israeliten von Schlangenbissen durch Moses errichtete Eherne Schlange dargestellt. Dies Thema, das in der protestantischen Kunst eine wichtige Rolle als Symbol des Alten Testaments spielt, korrespondiert mit dem Hauptthema, da es gemäß Joh. 3,14 ein Hinweis auf Kreuzeserhöhung und Erlösungswerk Christi ist (vgl. RDK IV, Sp. 818). Das im Zusammenhang mit der Verkündigung an Maria dennoch ungewöhnliche Zitat (das LCI, Bd. 4, Sp. 423 nennt kein Beispiel) könnte mit der besonderen Rolle der ehernen Schlange im reformatorischen Bilderstreit zu erklären sein. Ihre Aufrichtung, eine Durchbrechung des alttestamentarischen Bilderverbots, diente den Verteidigern des Bildergebrauchs als Argument, ihre wegen missbräuchlicher Abgötterei später durch König Hiskia angeordnete Zerstörung den Verteidigern des alleinigen Rechts der Obrigkeit auf Beseitigung der Kulturbilder. In Hessen spielte diese Argument bereits in den Anfängen der Reformation unter Philipp dem Großmütigen eine Rolle, und Landgraf Moritz nahm das Recht auf Entfernung der Bilder entschieden für sich in Anspruch (Kümmel 1996, S. 25-29 - D. Freedberg in: Kunst voor de Beeldenstorm, AK, Amsterdam 1986, S. 59, 68. Anm. 194). Das Motiv der Verkündigung an Maria ist im Zusammenhang mit dem Landgrafen Moritz an zwei Stellen nachweisbar. Ein Inventar des Rotenburger Schlosses von 1607 nennt im Gemach des Landgrafen einen Bilderzyklus aus dem Leben Jesu, darunter einen "Englischen Gruß". Einen deutschen Hinweis auf die Sinnbildlichkeit des Bildthemas im reformierten Sinne gibt es ein durch Hermann Fabronius überliefertes Epigramm zu einer Verkündigungsdarstellung im Rahmen der Ausmalung des Schlosses Eschwege (vgl. Kat. 286). In dem von Moritz intendierten Bildprogramm erschien Maria im Augenblick der Verkündigung als Sinnbild der Pietas.


Literatur:
  • Borgrefe, Heiner [Hrsg.]; Lüpkes, Vera [Hrsg.];Ottomeyer, Hans [Hrsg.]: Moritz der Gelehrte. Ein Renaissancefürst in Europa. Eurasburg 1997, Kat.Nr. 289, S. 257-258.
  • Thümmler, Sabine; Ottomeyer, Hans (Hrsg.): Geschenkt & Gekauft. Die Neuerwerbungen der Staatlichen Museen Kassel 1995 - 1999. 1999, S. 47 f.


Letzte Aktualisierung: 10.11.2016


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