Quodlibet mit Palette und Lob der Malerei



Quodlibet mit Palette und Lob der Malerei


Inventar Nr.: GK 1246 (1749/509)
Bezeichnung: Quodlibet mit Palette und Lob der Malerei
Künstler: unbekannt
Datierung: um 1735
Geogr. Bezug: deutscher Künstler
Material / Technik: Öl
Maße: 50 x 63,5 cm (Bildmaß)
Beschriftungen: Beschriftung: "Pictura wolte nächst die Kunst an Nagel hängen /
Und warff höchst mißvergnügt Pallet und Pensel hin /
Sie sprach: weil Krieg und Schwerd die Künste nun verdrängen
so kömt es / daß auch ich der Arbeit müde bin :
Denn ich / die Mahler-Kunst / erfahr auch in den Tagen /
Wie ich fast überall in schlechtem Ansehn sey!
Irene hört ihr zu bey dem gerechten Klagen
Und legte dem Endschluß ein billig Urtheil bey
Doch Pallas trat hervor / und sprach: Bist du vertrieben
Und findest auf der Welt nicht mehr ein Freyheits-Ort?
So weiß ich doch noch eins / da man dich schon wird lieben:
Geh zum Printz WILHELM nur / Landgraf zu Heßen / fort.
Er pflegt für deine Kunst viel Hochachtung zu hegen /
Und diß versichert dich / du seyst IHM nicht entgegen."
Beschriftung: 509 (rot)
Beschriftung: 85 (weiß)


Katalogtext:
An einer Bretterwand befinden sich scheinbar wahllos mehrere Zeitungen, ein Brief, ein gedrucktes Gedicht und eine Palette in augentäuschender Malerei arrangiert. Das Gemälde zeigt sich darin der seit dem 17. Jahrhundert beliebten Darstellungstradition des Quodlibet („was beliebt“) verpflichtet. Die Illusion tatsächlicher Gegenstande wird durch Risse und Knicke sowie gezielte Schattenverläufe bei den Papieren erzielt. Diesen Eindruck erhöht die gemalte Palette, deren rechtes Ende über das rechteckige Bildformat ragt.

Liest man jedoch die einzelnen Schriftstücke, so ergibt sich ein interessantes Beziehungsgeflecht zwischen den einzelnen Texten und der Palette. Der Brief enthält eine Widmung an Landgraf Wilhelm VIII. Die Zeitungen lassen sich auf den Juni/Juli 1735 datieren und verweisen in ihren nur in Ausschnitten lesbaren Artikeln auf die militärischen Auseinandersetzungen am Rhein und in Oberitalien im Zusammenhang mit dem Polnischen Thronfolgekrieg. Erkennbar ist die Ausgabe der „Leipziger Zeitungen“ vom 20. Juni 1735 sowie die in Berlin erscheinende „Wöchentliche Berliner Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“ nebst einem Supplement. An die dort geschilderten Nachrichten knüpft auch das gedruckte Gedicht an:

„Pictura wolte nächst die Kunst an Nagel hängen /
Und warff höchst mißvergnügt Pallet und Pensel hin /
Sie sprach: Weil Krieg und Schwerd die Künste nun verdränge(n)
komt es / daß auch ich der Arbeit müde bin :
Denn ich / die Mahler-Kunst / erfahr auch in den Tagen /
Wie ich fast überall in schlechtem Ansehn sey !
Irene hört ihr zu bey dem gerechten Klagen
Und legte dem Endschluß ein billig Urtheil bey
Doch Pallas trat hervor / und sprach: Bist du vertrieben /
Und findest auf der Welt nicht mehr ein Freyheits-Ort ?
So weiß ich doch noch eins / da man dich schon wird lieben :
Geh zu Printz WILHELM nur / Landgraf zu Heßen / fort.
Er pflegt für deine Kunst viel Hochachtung zu hegen /
Und diß versichert dich / du seyst IHM nicht entgegen.“


Das gedruckte Gedicht beklagt die Verdrängung der Künste durch den Krieg, so dass Pictura die Palette an den Nagel hängen müsste, wenn nicht Landgraf Wilhelm ihr Schutz bieten würde. Das dem klassischen Fürstenlob zuzuordnende Gedicht preist demnach Landgraf Wilhelm als großen Förderer der Künste. Der seit seiner Zeit als Gouverneur von Breda und Maastricht vor allem der niederländischen Kunst zugeneigte Fürst, intensivierte seine Sammeltätigkeit nach 1730 von Kassel aus deutlich. Hier wirkte er als Statthalter für seinen Bruder Friedrich I., der als König von Schweden an die Residenz gebunden war. Mit seinem 1750/51 vollendeten großen Galeriesaal erfuhr Wilhelms Sammelleidenschaft ein sichtbares Zeichen.

Dichtung und malerische Darstellung verbinden sich so zu einem zusammengehörigen Lobgedicht auf die Kunstförderung des Landgrafen. Der Autor des von Zeile 1 bis 12 in Kreuzreim und am Schluß mit Paarreim gebildeten Gedichts ist nicht bekannt. Es wäre jedoch denkbar, dass es sich um eine Arbeit von Johann Christoph Gottsched handelt, der 1753 ein umfangreiches Gedicht „Hessens Kleinode“ publizierte, in dem auch Wilhelms Galeriesaal besungen wird.

Das im Inventar 1749 ohne Künstlernamen aufgeführte Werk wurde später im Museum Fridericianum ausgestellt. Im Inventar des dortigen „Armatur- und Wachszimmer“ wird es zusammen mit einem „Quodlibet von Stücken Zeitungen, Landkarten, Kalender, Noten, Briefen auf Pergament gemahlt, so wie Holz aussieht. Vom Registrator Gesell“ erwähnt , so dass Gesell, von dem bislang jedoch keine weiteren Daten vorliegen, auch der Autor des ausgestellten Quodlibet sein könnte.


Literatur:
  • Lange, Justus; Carrasco, Julia: Kunst und Illusion. Das Spiel mit dem Betrachter. Petersberg 2016, Kat.Nr. 25, S. 84, 86.


Letzte Aktualisierung: 20.09.2017


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