Johanna Amalie Gräfin Senfft von Pilsach mit Sohn Heinrich



Johanna Amalie Gräfin Senfft von Pilsach mit Sohn Heinrich


Inventar Nr.: L 83
Bezeichnung: Johanna Amalie Gräfin Senfft von Pilsach mit Sohn Heinrich
Künstler: Anton Graff (1736 - 1813)
Datierung: um 1784
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Leinwand
Maße: 112 x 94,5 cm (Bildmaß)
Provenienz:

1913 Rosa Jacobi, Freiberg/Sachsen

1930 ausgestellt von den Galerien van Diemen und Dr. Bendecit & Co., Berlin

wahrscheinlich Slg. Tonio v. Riedemann, Meggen

Okt./Nov. 1942 von Galerie Fischer, Luzern, in deutschen Reichsbesitz

Beschriftungen: Beschriftung: verso auf dem Keilrahmen in blauer Kreide: 8839; alter Klebezettel: Sächsischer Kunstverein Dresden 1765; blau umrandeter Klebezettel: 2735; Stempel: Leihgabe BRD


Katalogtext:
Das Kniestück der Johanna Amalie Senfft von Pilsach (geb. 1758/59), geb. von Thiel(e)mann, und ihres Sohnes Heinrich (geb. 1778) ist Berckenhagen zufolge um 1784 entstanden. Die beinahe lebensgroßen, en face dargestellten Figuren treten mit einer Unmittelbarkeit und Nähe vor den Betrachter, wie es für Graffs Porträts kennzeichnend ist. Während die Gräfin den Kopf leicht nach links zu ihrem Sohn geneigt hat, blickt dieser frontal auf den Betrachter.
Die Präsenz der beiden Personen, die vor neutralem dunkelbraunem Grund wiedergegeben sind, wird vor allem durch den wachen, aufmerksamen Gesichtsausdruck erreicht. Unterstützt wird dies durch die Lichtführung und die gedämpfte Farbgebung der schlichten Kleidung. Die Gräfin, deren grau gepudertes Haar hochfrisiert ist, trägt ein graues Seidenkleid mit blauer Schärpe und passendem blauem Tuch über der rechten Schulter. Ihr Sohn, dessen blonde Haare zu einem Pagenkopf »à la Titus« – nach dem Vorbild des römischen Kaisers – geschnitten sind, ist in einem weißen Rüschenhemd und einer braunroten Samtjacke mit weißem Pelzbesatz dargestellt. In der linken Hand hält er einen schwarzen Hut, der vom unteren Bildrand überschnitten wird.
Mit der Konzentration auf die Gesichtszüge der Dargestellten und der Absicht, deren persönliche Eigenheiten zu erfassen, vertrat Graff die Bildnisauffassung, die auch sein Schwiegervater, der Schweizer Philosoph Johann Georg Sulzer, postulierte. In dem Artikel »Portrait« der »Allgemeinen Theorie der Schönen Künste« (1771-74), dem deutschen kunsttheoretischen Standardwerk des ausgehenden 18. Jahrhunderts, erklärte Sulzer das Gesicht zum Mittelpunkt des Bildnisses, dem sich alles unterzuordnen habe: »Gegen das Gesichte muß im Portrait gar nichts aufkommen; dieses ist das Einzige, das die Aufmerksamkeit an sich ziehen muß« (Bd. 3, S. 721). Der Bildnismaler müsse ein »Seelenmahler« sein und nicht nur die äußere Natur des Menschen erfassen, sondern auch dessen Inneres. Anton Graff galt Sulzer als derjenige, der durch seine frappierende Beobachtungsgabe die Fähigkeit besäße, die Seele seines Gegenübers mit einer Eindringlichkeit erfahrbar zu machen, die zuweilen von den Porträtierten kaum ertragen werden könne: »Ich habe mehr als einmal bemerkt, daß verschiedene Personen, die sich von unserem Graff, der vorzüglich die Gabe hat, die ganze Physiognomie in der Wahrheit der Natur darzustellen, haben mahlen lassen, die scharfen und empfindungsvollen Blicke, die er auf sie wirft, kaum vertragen können; weil jeder bis ins innere der Seele zu dringen scheinet« (ebd.).
Die einfühlsame Darstellung der Mutter-Kind-Beziehung zwischen der Gräfin und ihrem Sohn, die sich auch in den Bildnissen von Graffs Malerkollegen Friedrich August Tischbein beobachten lässt (1875/1380, 1875/1217, 1875/1219), entspricht dem neuen Mutter-Kind-Verständnis des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Während die Gräfin den linken Arm zärtlich um die Schulter ihres Sohnes gelegt hat, liegt dessen rechter Arm in dem Schoß der Mutter.


Literatur:
  • Katalog der Anton Graff-Ausstellung Dresden 1913. Dresden 1913, Kat.Nr. 85.
  • Berckenhagen, Ekhart: Anton Graff. Leben und Werk. Berlin 1967, Kat.Nr. 1266.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 44, S. 61-62.


Letzte Aktualisierung: 26.09.2017


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