Die Schwestern Amalie und Auguste von Homburg



Die Schwestern Amalie und Auguste von Homburg


Inventar Nr.: L 259
Bezeichnung: Die Schwestern Amalie und Auguste von Homburg
Künstler: Johann Friedrich August Tischbein (1750 - 1812)
Datierung: um 1805
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Leinwand
Maße: 88 x 103 cm (Bildmaß)
104,3 x 119,7 x 7,9 cm (Objektmaß)
Provenienz:

erworben 1975 von Sofie Otto, Kleve

Leihgabe der SV Sparkassenversicherung, vormals Hessisch-Thüringischen Brandversicherungsanstalt Kassel-Erfurt


Katalogtext:
In einem Fensterrahmen, auf ein rotes Kissen gestützt, geben sich zwei Freundinnen in vertrauter Zuneigung. Der rote, effektvoll drapierte Vorhang, der die Mädchen hinterfängt und mit den kühlen Weißtönen ihrer Kleider kontrastiert, unterstreicht die Intimität der Freundschaftsszene. »Der Vorhang, ein ehemaliges Requisit des repräsentativen Standesporträts, ist zum Sinnbild schwesterlicher Vertraulichkeit umgedeutet« (Schoch in: AK Nürnberg 1989, S. 500). Er bindet die beiden Freundinnen kompositionell in ein Dreieck zwischen der Vertikalen des Fenstergewändes und der Horizontalen der Fensterbank ein. Indem er am unteren Bildrand über den Fensterrahmen hinunterfällt, lässt er eine zweite Ebene im Vordergrund entstehen, die die Raumillusion noch steigert. Der Brief, den das eine Mädchen in den Händen hält und über dessen Inhalt es nachzudenken scheint, ist ein häufig verwendetes Attribut in Freundschaftsbildern und Ausdruck geteilter Intimität.
Mit dem Sujet der Freundinnen hatte sich Tischbein Mitte der 1790er Jahre beschäftigt, so im Bildnis zweier Freundinnen, die einen Rosenkranz am Altar der Freundschaft opfern und im Doppelporträt »Luise und Friederike von Preußen« (vgl. Franke 1993, Bd. 2, Nr. 245 u. 354). Die Kultivierung von Seelenverwandtschaft und Freundschaft – und damit auch das Freundschaftsporträt – erreichte in Deutschland im ausgehenden 18. Jahrhundert einen künstlerischen Höhepunkt. Erinnert sei nur an Schadows berühmtes Standbild der Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen aus den Jahren 1795/97. Zu einer Datierung des Gemäldes in die 1790er Jahre passen auch die Kleider der beiden Freundinnen mit den eng anliegenden, schlichten Ärmeln. Das Kolorit hingegen, das im Wesentlichen von den Farbtönen Weiß, Rot und Braun vor schwarzbraunem Grund bestimmt wird, entspricht dem des Porträts von Betty Tischbein (1875/1179), das mit »1805« signiert ist.
Eine heute verschollene Ölskizze Tischbeins, die lediglich in einer Schwarzweiß-Abbildung von 1924 und in einer Beschreibung von Dingeldey überliefert ist, könnte im Zusammenhang mit dem Gemälde stehen. Dort lehnen ebenfalls zwei Mädchen in einem Fensterrahmen, wobei auf der rechten Seite ein blondes und auf der linken ein dunkelhaariges Mädchen mit einem Apfel in der Hand zu sehen sind. Auch die Farbgebung dürfte mit dem Kasseler Doppelporträt weitgehend übereingestimmt haben. Dingeldey führt auch eine Gemäldefassung zu dieser Ölskizze an, die Tischbein im Auftrag von Johann Georg von Anhalt-Dessau (1741-1811), auch Hans Jürge genannt, einem Bruder von Fürst Franz, ausgeführt haben soll. Dingeldey zufolge soll dieses Gemälde aber später zweigeteilt worden sein, so dass es sich nicht um das Kasseler Bildnis handeln kann. Hinweise zum Verbleib des Dessauer Doppelporträts oder von dessen Bildhälften sind nicht bekannt.
Die Identifizierung der Freundinnen ist nach den bislang in der Literatur angeführten Argumenten noch ungeklärt. Herzog hat das dunkelblonde Mädchen als Amalie Auguste Prinzessin von Anhalt-Dessau (1793-1854) bezeichnet und sich dabei auf physiognomische Übereinstimmungen zu einem 1797 entstandenen Gemälde zweier Mädchen mit Blumen berufen (Dessau, Anhaltische Gemäldegalerie, Inv. Nr. 2363). Gesichert ist zwar das Porträt der Prinzessin Amalie Auguste vor einem Weihnachtsbaum von 1797, doch zeigt es ein vierjähriges Mädchen (Farbabb. in: AK Dessau 1996, S. 159). Franke hat die Freundinnen der Ölskizze als Töchter des Künstlers gedeutet und sich dabei auf ein Porträt Tischbeins gestützt, dessen Identifizierung aber ebenfalls nicht gesichert ist (Franke 1993, Bd. 2, Nr. 467).


Literatur:
  • Dingeldey, Helmut: Johann Friedrich August Tischbein (1750-1812). Zur Ausstellung von Gemälden und Zeichnungen des Künstlers im Leipziger Kunstverein. In: Cicerone (1924), S. 438-450, S. 448.
  • Herzog, Erich: Ein Freundschaftsbildnis von Friedrich August Tischbein. In: Aus hessischen Museen 1 (1975), S. 123-130, S. 123-130.
  • Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. 200 Jahre Französische Revolution. Nürnberg 1989, Kat.Nr. 399, S. 500.
  • Heinz, Marianne: Johann Heinrich Tischbein d. Ä. als Lehrer an der Kasseler Akademie. In: Kat. Kassel 1989 (1989), S. 146-151, S. 150.
  • Franke, Martin: Johann Friedrich August Tischbein. Leben und Werk. Egelsbach u. a. 1993, Kat.Nr. 10 (Gemälde), 571 (Ölskizze).
  • Maurer, Michael: Biographie des Bürgers. Lebensformen und Denkweisen in der formativen Phase des deutschen Bürgertums (1680-1815). Göttingen 1996, S. 305-314.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 174, S. 201-202.


Letzte Aktualisierung: 26.09.2017


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