Wilhelm VIII. Landgraf von Hessen-Kassel, Studie



Wilhelm VIII. Landgraf von Hessen-Kassel, Studie


Inventar Nr.: 1875/1623
Bezeichnung: Wilhelm VIII. Landgraf von Hessen-Kassel, Studie
Künstler: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789)
Datierung: um 1754/1755
Geogr. Bezug: Kassel
Material / Technik: Leinwand, doubliert
Maße: 38 x 32,5 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 52,5 x 49,0 x 9,5 cm (Objektmaß)
Provenienz:

im Auftrag von Landgraf Wilhelm VIII.


Katalogtext:
Die Studie folgt dem Typus des offiziellen, ganzfigurigen Staatsporträts, für das Hyacinthe Rigauds (1659-1743) Porträt von Ludwig XIV. im Krönungsornat aus dem Jahr 1701 maßgebliches Vorbild war (Paris, Louvre, Inv. Nr. 7492). Durch Reproduktionsstiche weit verbreitet, war dieses Bildnis im 18. Jahrhundert für Herrscherporträts europäischer Fürsten prägend. Es stellt den Regenten mit den Insignien seiner Macht, in charakteristischer Pose und prunkvollem Ambiente als oberste Autorität zur Schau.
Landgraf Wilhelm VIII. (1682-1760) hat die linke Hand in die Hüfte gestemmt. Die rechte hält den Marschallstab und ruht auf einem roten Samtkissen, das zusammen mit dem Landgrafenhut und dem Helmbusch auf einem Konsoltisch arrangiert ist. Der höfischen Etikette entsprechend trägt der Landgraf eine weiß gepuderte Allongeperücke und einen kostbaren, mit Goldtressen bestickten knielangen Rock aus hellblauem Samt, darunter eine reich verzierte Seidenweste, hellblaue Kniehosen, helle Seidenstrümpfe und schwarze Schnallenschuhe. Auf der Brust ist der Stern des polnischen Weißen Adlerordens angebracht, über der linken Schulter verläuft das dazugehörige blaue Ordensband. Das Auftreten des Landgrafen folgt präzis den höfischen Konventionen, wie sie für die Audienz festgelegt waren. Schriftlich überliefert sind diese etwa in der 1738 publizierten »Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschaft der grossen Herren« von Julius Bernhard von Rohr.
Auch bei der Gestaltung des Innenraums, in dem Wilhelm VIII. dargestellt ist, folgte Tischbein dem konventionellen Formenkanon fürstlicher Repräsentationsbilder und stellte keinen konkreten Ort dar. Die Säule und die dunkelgrüne Vorhangdraperie, der Tisch und der Armlehnsessel, auf dem der hermelinbesetzte rote Mantel liegt, gehören zu den traditionellen Versatzstücken barocker Staatsporträts. Bei der grob skizzierten Plastik, die in der Nische der von Pilastern gegliederten Wand zu sehen ist, handelt es sich um Minerva, die Schutzherrin des Staates, der Wissenschaften und der Künste. Sie umfasst mit der rechten Hand einen Obelisken, nach Cesare Ripa das Sinnbild für den Ruhm des Fürsten.
Die detaillierte Ausführung der Ölstudie, bei der Kolorit und Haltung der Person bereits genau festgelegt sind, lässt sich auch bei anderen noch erhaltenen Ölstudien Tischbeins beobachten. Vermutlich ging die Studie dem Porträt Wilhelms VIII. voraus, in dem der Landgraf lediglich als Dreiviertelfigur wiedergegeben ist (VSG, Weißensteinflügel). Die leichte Untersicht Wilhelms VIII. in der Studie deutet darauf hin, dass für das Gemälde ursprünglich eine Anbringung in gewisser Höhe vorgesehen war. Bei dem dunkelbraunen breiten Pinselstrich am linken Bildrand könnte es sich um eine nachträgliche Korrektur Tischbeins handeln, mit der er den Bildausschnitt der Entwurfsskizze veränderte. In offiziellen Staatsporträts nimmt der Baldachin gewöhnlich mehr Raum ein.
Man darf annehmen, dass Tischbein die Studie um 1754/55 zu Beginn seiner Amtszeit in Kassel gemalt hat. Später, zwischen 1756 und 1759, während des Siebenjährigen Krieges und der Exilzeit von Wilhelm VIII., wurden vom landgräflichen Hof wenig Porträtaufträge vergeben, zumindest sind kaum welche in den Kabinett-Rechnungsbüchern dieser Jahre verzeichnet (StAM, Rechnungen II, Kassel 655, 1756-1759).


Literatur:
  • Bahlmann, Hermann: Johann Heinrich Tischbein. Straßburg 1911, S. 12.
  • Helm, Rudolf: Alt-Kassel. Aus Kunst und Geschichte einer schönen Stadt. Kassel 1947, Kat.Nr. 60.
  • Marianne Heinz [Bearb.]; Erich Herzog [Bearb.+ Hrsg.]: Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722 - 1789), Kassel trifft sich - Kassel erinnert sich in der Stadtsparkasse Kassel. Kassel 1989, Kat.Nr. 11, S. 111-113, 158.
  • Flohr, Anna-Charlotte: Johann Heinrich Tischbein d.Ä. (1722-1789) als Porträtmaler mit einem kritischen Werkverzeichnis. München 1997, Kat.Nr. Ö 2, S. 268.
  • Schloss Wilhelmshöhe Kassel. Antikensammlung, Gemäldegalerie Alte Meister, Graphische Sammlung. München/London/New York 2000, S. 104.
  • Heraeus, Stefanie [Bearb.]; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: Spätbarock und Klassizismus. Bestandskatalog der Gemälde in den Staatlichen Museen Kassel. Kassel [u.a.] 2003, Kat.Nr. 229, S. 268.
  • Ekkehard Mai u.a.: Vom Adel der Malerei. Holland um 1700. Köln 2007, S. 98.


Letzte Aktualisierung: 25.09.2017


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