Familie Timmermann



Familie Timmermann


Inventar Nr.: M 1990/8
Bezeichnung: Familie Timmermann
Künstler: Johann Heinrich d. Ä. Tischbein (1722 - 1789)
Datierung: 1758
Geogr. Bezug: Hamburg
Material / Technik: Leinwand
Maße: 91,5 x 118 cm (Bildmaß)
Umzug NG: 113,0 x 144,0 x 8,5 cm (Objektmaß)
Provenienz:

erworben 1990 von Sigrid de Boor, Göttingen, einer Nachfahrin von Elisabeth Timmermann

Beschriftungen: Signatur: bez. Mitte r.: J H Tischbein Pinx 1758


Katalogtext:
Das figurenreiche, repräsentative Standesporträt einer Hamburger Familie entstand zur Zeit des Siebenjährigen Krieges, als Kassel zwischen 1757 und 1762 von den Franzosen besetzt war und Landgraf Wilhelm VIII. im Exil lebte, zunächst in Hamburg und Braunschweig, später in Rinteln. Tischbein d. Ä. musste sich nach neuen Auftraggebern umsehen und reiste in verschiedene Residenzen und Handelsstädte, um Porträts zu malen. Sein Neffe Johann Heinrich Wilhelm, der »Goethe-Tischbein«, berichtet in seinen autobiographischen Notizen von dem Gemälde: »Als mein Onkel nämlich mit dem Landgrafen in Hamburg war, malte er ein Familienbild von der Familie Timmermann, der die ausgesuchte Sammlung alter Originale hatte. Dieses Familienbild stellte ein Konzert vor, worin Reiffenstein den Baß spielte. Auch das Porträt meines Onkels war darauf« (J. H.W. Tischbein 1861, Bd. 2, S. 55).
Die Gesellschaft hat sich – wie in einem Hofgarten – zum Hauskonzert auf einer Loggia versammelt, durch deren Bogenöffnungen man nach draußen in den Park und auf das angrenzende mehrstöckige Wohnhaus blickt. Der Kaufmann Jochim Timmermann (1702-1787), ein in der Hansestadt angesehener, wohlhabender Weinhändler, der dreimal verheiratet war, ist mit seiner dritten Frau und seinen sechs Kindern in Szene gesetzt. Er ist am rechten Bildrand in einem roten Justaucorps und schwarzen Kniehosen zu sehen. Als Familienoberhaupt ist er der einzige, der in einem Armlehnstuhl sitzt. Über Timmermanns »Sammlung von vorzüglich schönen Bildern«, wie es in den Erinnerungen des »Goethe-Tischbein« heißt, in denen er auf Werke von Dürer, Rottenhammer und Everdingen zu sprechen kommt, ist nichts Näheres bekannt. In den Auktionskatalogen und Reisebeschreibungen des 18. Jahrhunderts, die von einer ausgeprägten bürgerlichen Sammelkultur und zahlreichen privaten Gemäldekabinetten in der Hansestadt berichten, kommt die Sammlung der Familie Timmermann nicht vor.
Zur Rechten des Hausherrn, den Blick auf ihn gerichtet, sitzt Elisabeth Timmermann (1712-1761), geb. Negenborn, in hellblauer Robe, mit weißer Spitzenhaube und schwarzer Mantille, an einem ovalen englischen »Tripod-Table« und schenkt Kaffee ein. Zwischen dem Ehepaar steht ein kleines Mädchen in rosafarbenem Kleid, die jüngste Tochter Catharina Maria (geb. 1747), und reicht dem Vater eine Tasse Kaffee. Das exotische, in Mode gekommene Heißgetränk wurde in neuen Trinkgefäßen aus Porzellan serviert, die Ausdruck von Luxus und Reichtum waren. Tischbein hat das erlesene Meißener Service mit dem kunstvoll gemalten blauen Dekor aus filigranen Blumenranken detailliert wiedergegeben.
Hinter der Kaffee trinkenden Gruppe hat sich der Maler selbst dargestellt als Teil der vornehmen Gesellschaft, mit einer Schnupftabakdose aus schwarzem Lack in Händen. Wie im »Selbstbildnis in mittleren Jahren« (1875/1418) trägt er den grauvioletten Rock mit Goldtressen und hat auf jegliche Attribute, die auf seinen Beruf verweisen, verzichtet. Er und das Mädchen im langen gelben Seidenkleid sind die einzigen Personen, die ihren Blick aus dem Bild direkt auf den Betrachter richten.
Bei dem Mädchen handelt es sich um Maria Elisabeth Timmermann (1746-1810). Tischbein gab ihr während seines Aufenthaltes in Hamburg Zeichenunterricht. Später war sie als Historien- und Porträtmalerin tätig und ab Herbst 1780 Ehrenmitglied der Kasseler Kunstakademie. Sie steht im Zentrum der Figurengruppe und verbindet durch ihre Haltung – mit dem rechten Arm stützt sie sich auf das Spinett und mit der linken Hand auf den Tisch – die Kaffee trinkenden Zuhörer mit den musizierenden Personen.
Zu den Musizierenden gehören die Töchter aus der zweiten Ehe des Jochim Timmermann, Catharina Margaretha (geb. 1739), Magdalena Cornelia (geb. 1745) und der Sohn Johann Garlieb (geb. 1743). Sie stehen um das Spinett und wenden sich Johann Friedrich Reiffenstein (1719-1793) zu, der Cello spielt. Ihm kommt als sitzende Figur in ockerfarbenem Habit besonderes Gewicht zu. Reiffenstein, ein enger Freund Tischbeins, war von 1754 bis 1758 Pagenhofmeister in Kassel und betrieb ab 1763 als Hofrat von Sachsen-Gotha Altertumsforschungen in Rom. Er galt als ausgewiesener Kenner der Antike und führte Reisende durch Rom. Seit 1755/56 war er zusammen mit Tischbein Ehrenmitglied der »Kaiserlich Francisischen Akademie der Freien Künste und Wissenschaften« in Augsburg und später gehörte er – wiederum mit Tischbein – der 1777 von Landgraf Friedrich II. gegründeten »Société des Antiquités de Cassel« an. Welche Beziehung er zur Familie Timmermann hatte oder ob diese einen Salon unterhielt, in dem er verkehrte, ist nicht bekannt.
Am linken Bildrand, abseits der geselligen Gruppe im Halbdunkel, stützt sich ein junger Mann – wohl Jochim (geb. 1731), der älteste Sohn aus der ersten Ehe des Jochim Timmermann – auf die Lehne eines Stuhls und liest einen Brief. Diese Repoussoirfigur, die als einzige mit ungepudertem Haar erscheint, erinnert an brieflesende Figuren aus der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Die einzigen Personen, die sich bisher nicht identifizieren lassen, sind die beiden Herren hinter Maria Elisabeth – vielleicht die Hauslehrer – und die nur schemenhaft erfasste ältere Dame, die im Hintergrund aus dem Fenster schaut.
Tischbein ordnete die Personen als rhythmisch versetzte Reihe an und suchte durch die unterschiedliche Höhe der Köpfe und deren verschiedene Blickrichtungen Lebendigkeit zu erreichen. Der offene Außenraum als Ort des Geschehens führt zu einer räumlichen Staffelung. Mit dieser Kompositionsweise, der lockeren Gruppierung der Personen innerhalb eines fest gefügten Rahmens und der Darstellung der Szene auf einer Terrasse bzw. Loggia, erinnert das Gemälde an andere Gruppenbildnisse, die Tischbein d. Ä. in diesen Jahren schuf, besonders an das großformatige Familienbildnis des Herzogs Karl von Braunschweig-Wolfenbüttel. Es entstand etwas später, um 1761/62, und ist heute im Weißensteinflügel von Schloss Wilhelmshöhe zu sehen (VSG, Inv. Nr. 1.1.775). Auch dort verwendete Tischbein das im 18. Jahrhundert verbreitete Motiv des Hofgartens. Hofgärten waren für die höfisch geprägte Gesellschaft der Ort, an dem an schönen Sommertagen gesellschaftliche Empfänge stattfanden. Hauptunterhaltung war das Musizieren, begleitet von Spiel, Konversation und dem Servieren von Getränken und Konfekt. Nach dem Vorbild des barocken, höfischrepräsentativen Familienbildnisses entwickelte Tischbein einen Porträttypus, den er je nach Stand des Auftraggebers, ob adelig oder aus dem Großbürgertum stammend, in den Accessoires und den architektonischen Details veränderte. Daher erklären sich wohl auch die im vorliegenden Gemälde etwas typisiert wirkenden Physiognomien.
Tischbein fertigte außerdem vom Ehepaar Timmermann, von Maria Elisabeth, Magdalena Cornelia und Johann Garlieb kleinformatige Miniaturen in Pastell und Bleistift an (Privatbesitz). Sie zeigen die Personen im Brustbild, eingefasst von einer Steinrahmung.

Landesarchiv Schleswig-Holstein, Abt. 399,9, Nr. 19 (handschriftl. Familienchronik von Jochim Timmermann); J. H. W. Tischbein 1861, Bd. 1, S. 79f., Bd. 2, S. 55; Knackfuß 1908, S. 49 (zur Kasseler Kunstakademie); Flohr 1997, S. 28f., 91 u. 218, G 116; Heinz 1997, S. 223-226; AK Gotha 1999, S. 347 (biograph. Angaben zu Marie Elisabeth); Ottomeyer 2000, S. 11 (zum Hofgarten).


Literatur:
  • 3x Tischbein und die europäische Malerei um 1800. Kat. Staatliche Museen Kassel, Museum der bildenden Künste Leipzig. München 2005, Kat.Nr. 44, S. 156, 164.
  • Linnebach, Andrea: Das Museum der Aufklärung und sein Publikum. Kunsthaus und Museum Fridericianum in Kassel im Kontext des historischen Besucherbuches (1769-1796). Kassel 2014, S. 108.
  • Hottmann, Katharina: "Auf! stimmt ein freies Scherzlied an". Weltliche Liedkultur im Hamburg der Aufklärung. Stuttgart 2017, S. 185 f.


Letzte Aktualisierung: 14.11.2016


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