Apelles und der Schuster



Apelles und der Schuster


Inventar Nr.: GK 78
Bezeichnung: Apelles und der Schuster
Künstler: Frans d. J. Francken (1581 - 1642)
Datierung: 1610 - 1615
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 38,3 x 31,8 x 3,6 cm (Rahmenmaß)
28,6 x 21,9 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben vor 1783 durch Friedrich II.


Katalogtext:
Die von Plinius (Naturalis Historia, XXXV, 84–85) überlieferte Anekdote behandelt eine grundlegende Facette künstlerischen Schaffens: Die Nachahmung der Natur (imitatio) und die damit verbundene Auseinandersetzung um die richtige Darstellung. Apelles, einer der berühmtesten Maler der Antike, wollte die Reaktionen des Publikums auf ein von ihm geschaffenes Werk beobachten und stellte hierzu das vollendete Gemälde vor seinem Haus öffentlich aus. Als ein Schuster Kritik an der unkorrekten Darstellung eines Schuhs übte, nahm Apelles diese sachliche Kritik an. Nachdem dieser jedoch dann auch die Art der Darstellung des Beines kritisierte, wies der Künstler den Handwerker mit dem sprichwörtlich gewordenen Ausspruch „Schuster, bleib bei deinem Leisten!“ in die Schranken. Die Künstleranekdote verweist also einerseits auf das Konfliktpotential der Imitatio, andererseits reklamiert Apelles für die Künstler das alleinige Recht, Kritik an der Darstellung zu äußern.

Francken versetzte die antike Künstlerlegende in seine Zeit, wie ein Blick auf die Architektur im Hintergrund zeigt, die mit den Treppengiebeln Anklänge an die Gebäude am Antwerpener Grote Markt erkennen lässt. Weiterhin weist die Kleidung zum Teil ebenfalls in das frühe 17. Jahrhundert, insbesondere die der Gruppe der Kunstkenner am linken Bildrand. Demgegenüber vertritt die Figurengruppe um den mit einer Goldkette ausgezeichneten Patrizier eine Kleidungsform des 16. Jahrhunderts. Gerade in dieser Gegenüberstellung offenbart sich der tiefere Grund der Darstellung. Francken bezieht mit seinem Gemälde Position innerhalb eines anhaltenden Diskurses um die soziale (und steuerrechtliche) Stellung der Malerei zwischen Handwerk und freier Kunst. Indem nun die Gruppe um den Schuster als altertümlich gezeigt wird, postuliert der Maler den Unterschied zwischen Handwerk und Malerei. Diese wird nur richtig von modern gekleideten Kunstkennern verstanden. Diese als „liefhebbers der schilderyen“ bezeichnete Gruppe meist auch wohlhabender Sammler erhielt seit dem frühen 17. Jahrhundert Zugang zu der St. Lucas-Malergilde St. Lukas und wertete diese somit sozial auf.

Mit dem Rückgriff auf den antiken Maler Apelles wollte also nicht nur Frans Francken sein eigenes Können unter Beweis stellen, sondern darüber hinaus einen Beitrag zur Statuserhöhung der Malerei im Allgemeinen liefern. Die Illusion perfekter Nachahmung der Natur – in diesem Fall der Anatomie des menschlichen Körpers – bildete gleichsam die Grundlage jeder künstlerischen Tätigkeit.

Franckens Gemälde führt darüber hinaus exemplarisch vor Augen, wie ein „stummes Gemälde“ gleichsam durch ein ausgeklügeltes Verschränken von Zeigegesten zum Sprechen gebracht werden kann. Die sich dem Betrachter zuwendende Magd im Vordergrund verweist mit einem schelmischen Lächeln auf den als Rückenfigur dargestellten Schuster, der wiederum mit seiner Hand auf das seiner Meinung nach nicht korrekt gemalte Knie zeigt. Apelles dagegen deutet auf die (von der Magd verdeckte) Sandale und bringt damit beim gelehrten Betrachter den oben zitierten Satz in Erinnerung. Mit seiner durchdachten Komposition erweist sich der Künstler als ein mit den Regeln der Rhetorik vertrauter Pictor doctus. Mit dem feinmalerisch ausgeführten Werk fordert er mit Nachdruck das Recht der Künstler, über ihre Werke selbst zu urteilen. Trotz ihres kleinen Formats wohnt der Kupfertafel also durchaus ein programmatischer Charakter inne.


Literatur:
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, Kat.Nr. 101, S. 215.
  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Kassel 1878, Kat.Nr. 95, S. 10.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 70, S. 47-48.
  • Voll, Karl: Die Meisterwerke der königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. München 1904.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 78, S. 24.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 78, S. 28.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 78, S. 11.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 78, S. 35-36.
  • Pigler, Andor: Barockthemen. Eine Auswahl von Verzeichnissen zur Ikonographie des 17. und 18. Jahrhunderts. 3 Bde. (Bd.1 Darstellungen religiösen Inhalts, Bd. 2 Profane Darstellungen, Bd. 3 Tafelband). Budapest/Berlin 1956.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 78, S. 61.
  • Härting, Ursula Alice: Studien zur Kabinettmalerei des Frans Francken II. 1581-1642. Ein repräsentativer Werkkatalog. Hildesheim/Zürich/New York 1983, Kat.Nr. A 230.
  • Schnackenburg, Bernhard: Flämische Meister in der Kasseler Gemäldegalerie. Kassel 1985, Kat.Nr. 44, S. 13, 18.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 120.
  • Lange, Justus; Carrasco, Julia: Kunst und Illusion. Das Spiel mit dem Betrachter. Petersberg 2016, Kat.Nr. 3, S. 32.
  • Wetering, Ernst van de: Rembrandt. The painter thinking. Amsterdam 2016, Kat.Nr. 44.


Letzte Aktualisierung: 20.09.2017


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