Allegorie der Erlösung des Menschen



Allegorie der Erlösung des Menschen


Inventar Nr.: GK 1033
Bezeichnung: Allegorie der Erlösung des Menschen
Künstler: Antonius Heusler (seit 1525 in Annaberg erwähnt)
Datierung:
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 50,8 x 38,5 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben vermutlich im 16. oder im frühen 17. Jahrhundert. Erste Erwähnung im Inv. 1816


Katalogtext:
Die erstmals von Schneckenburger-Broschek als Werk Heuslers benannte
undatierte Kasseler Tafel lässt sich zeitlich nur ungefähr zwischen 1539, dem Jahr der Einführung der Reformation im albertinischen Sachsen, und 1561, dem Todesjahr des Künstlers datieren. Wenn auch entsprechende Schriftquellen fehlen, lässt doch der Stil des wohl um 1500 geborenen Malers schließen, dass dieser zunächst als Lehrling oder Geselle Cranachs tätig war. Erstmals belegt findet sich Antonius Heusler anlässlich seines 1525 erfolgten Hauserwerbs in Annaberg. Nach Einführung der Reformation schuf der Maler dort wiederholt protestantischeLehrbilder, für deren Komposition er sich eng an Vorlagen der Cranach-Werkstatt orientierte. Das hochrechteckige, allseitig nur leicht beschnittene Gemälde, das ursprünglich
wohl als Bildepitaph Verwendung fand, zeigt das zentrale lutherische Motiv der Rechtfertigung des Menschen durch den Glauben. Vor felsiger Landschaft erscheint links der Mittelachse ein vorwärtsschreitender Mensch, dessen Blöße ein weißes Tuch bedeckt. Er wird hinterfangen von zwei links hinter ihm stehenden Propheten, deren Köpfe und Armbewegungen dem Blick des Menschen folgen. Gleichzeitig weist der zur rechten Seite des Menschen stehende Täufer auf den am rechten Bildrand dargestellten Gekreuzigten. Links des Kreuzstamms ist die Anbetung der Ehernen Schlange wiedergegeben, rechts der über Tod und Teufel triumphierende Auferstandene mit der Siegesfahne, über dem die Gottesmutter auf dem Berg Tabor erscheint. Ein vom Bildrand zur Hälfte angeschnittener, reich belaubter Baum bildet den linken Abschluss der Tafel.
Schon die dargestellte Thematik lässt verständlich erscheinen, dass das
„Gesetz und Gnade“-Motiv häufig auf Epitaphien zur Darstellung kam. Den Ausführungen Flecks folgend ist hierbei festzustellen, dass die Überlieferung entsprechender Epitaphienbilder bereits Mitte der 1530er Jahre einsetzt. Offenkundig ist das Kasseler Bild eng an Gesetz und Gnade-Bildern orientiert. Im Unterschied zu diesen aber verzichtet es auf die kontrastierende Darstellung des Menschen unter dem Gesetz: Deren Zweck erklärte Luther dahingehend, dass sie das Gewissen erschüttern und verschrecken solle, damit dieses Christus umso leichter zu erkennen vermöge.
Stattdessen zeigt die Tafel einzig die Hoffnung weckende Seite mit der für den Gläubigen sicheren Gnade des Herrn. Reinitzer hatte hieraus gefolgert, dass das Bild im Kontext des antinomistischen Streites zwischen Gnesiolutheranern und Philippisten zu verorten sei. Jene 1527 und 1537 bis 1540 zwischen Luther beziehungsweise Melanchthon und Agricola geführte Debatte kreiste um die zentrale lutherische Lehre der Rechtfertigung. Im Detail wurde hierbei diskutiert, ob neben dem Evangelium auch das Gesetz zu predigen sei. Luther und Melanchthon erachteten dies als notwendig, damit der Mensch sich der Bedeutung der Erlösungstat Christi bewusst werde und erkenne, dass nur die Gnade den Weg zur Erlösung öffne. Demgegenüber forderte Agricola, dass das Gesetz des Alten Testaments in der Predigt keinen Platz mehr haben solle, da es wie auch die Androhung des Gerichts keinerlei Auswirkung auf Glaube und Bußbereitschaft des Menschen habe. Mag eine solche Deutung zunächst erklären, warum die Tafel allein die
Gnadenseite zeigt, ist doch zu betonen, dass hier das Gesetz nicht gänzlich
negiert wird. So weisen neben dem Täufer gleich zwei Propheten den Menschen auf die ihm in der Erlösungstat Christi zuteilwerdende Gnade hin. Mehr noch würde gegen die oben genannte Deutung sprechen, dass sich die zur Erläuterung gewählten Bibelverse allesamt auch auf den in der Wittenberger Cranach-Werkstatt geschaffenen Gesetz und Gnade-Tafeln finden. Schließlich könnte auch der Umstand, dass Heusler vorrangig in Annaberg tätig war, wo 1539 die Reformation nach lutherischem Ritus eingeführt wurde, einer Deutung der Tafel als Verbildlichung der gnesiolutherischen Position widersprechen, die damals ohnehin bereits im Abklingen begriffen war.
(B. Spira, 2015)


Literatur:
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 59, S. 11-12.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 144.
  • Schneckenburger-Broschek, Anja: Altdeutsche Malerei. Die Tafelbilder und Altäre des 14. bis 16. Jahrhunderts in der Gemäldegalerie Alte Meister und im Hessischen Landesmuseum Kassel. Kassel, Staatliche Kunstsammlungen Kassel 1997, S. 126-133.
  • Reinitzer, Heimo: Gesetz und Evangelium. Über ein reformatorisches Bildthema, seine Tradition, Funktion und Wirkungsgeschichte. Hamburg 2006, S. 63f. und 280f.
  • Fleck, Miriam Verena: Ein tröstlich gemelde. Die Glaubensallegorie "Gesetz und Gnade" in Europa zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Korb 2010, Kat.Nr. 111, S. 164-165.
  • Carrasco, Julia [Redaktion,Lektorat]; Lange, Justus [Redaktion, Lektorat]: Bild und Botschaft. Cranach im Dienst von Hof und Reformation. Ausstellung Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Herzogliches Museum, 29.3-19.7.2015 / Museumslandschaft Hessen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister, Schloss Wilhelmshöhe 21.8.-29.11.2015. Heidelberg 2015, S. 182.


Letzte Aktualisierung: 05.03.2018


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