Büste eines Greises mit zwei goldenen Ketten



Büste eines Greises mit zwei goldenen Ketten


Inventar Nr.: GK 1112
Bezeichnung: Büste eines Greises mit zwei goldenen Ketten
Künstler: Govert Flinck (1615 - 1660), Kopie nach
Datierung:
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 68 x 56,3 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben vor 1749 durch Wilhelm VIII.


Katalogtext:
Kopie nach einem vom Kasseler Greisenkopf GK 233 angeregten Bild der Rembrandt-Werkstatt aus der Sammlung George Schlicht, London (Eichenholz, 56,6 x 46,5 cm; Bredius/Gerson 1969 Nr. 150; Verst. London, Christie´s, 11.12.1992 Nr. 79 als G. Flinck auf Vorschlag von W. Sumowski; Sumowski 1983 ff., Bd. VI, Nr. 2279 b m. Farbabb. als G. Flinck). GK 1112, ursprünglich rechteckig, wurde als Gegenstück für den bereits vorhandenen Greisenkopf GK 231 (Rembrandt-Werkstatt) erworben und dessen achteckigem Format durch Umschlagen der Leinwand in den Ecken angepaßt.
Mit ernstem Gesicht schaut ein weißbärtiger Greis auf den Betrachter, Oberkörper und Kopf leicht nach links gewandt. Als Brustbild dargestellt, wird die Kleidung nur angedeutet: Eine schwarze Mütze mit knapper Krempe, auf der ein Teil einer Goldkette aufblitzt. Um die Schultern liegen zwei Goldketten, die vor der Brust parallel über das schwarze Gewand geführt werden.
In Kassel galt das Gemälde noch im Katalog von 1882 als Originalwerk Rembrandts, der Katalog von 1888 nennt es dann erstmals eine Kopie. Das vermutete Original Rembrandts kam in London 1890, 1899 und 1912 als Leihgabe aus Privatbesitz zur Ausstellung und wurde entsprechend in den maßgeblichen Publikationen genannt. 1969 verneinte Horst Gerson dann die Autorschaft Rembrandts auch dieses Werkes. Als das Gemälde 1992 zur Versteigerung kam, schrieb Werner Sumowski es überzeugend Govert Flinck zu. In einer späteren Publikation bekräftigte er seine Auffassung mit dem Verweis auf Flincks Gemälde Verstoßung der Hagar in Berlin, das Abraham nach dem gleichen Modell zeigt (Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 815) , und auf eine Reihe von Flincks Tronies. Als Datierung schlug Sumowski die Jahre 1640/42 vor, d.h. zehn Jahre später, als in älteren Publikationen die Entstehung des Kasseler Gemäldes Greis mit zwei Ketten angenommen worden war.
Den Kopf des alten Greises, so wie er auf Flincks Büste eines bärtigen Mannes vorkommt, nutzte ein unbekannter Maler zu einer eigenen Paraphrase (Rhode Island, School of Design, Museum of Art, Inv.-Nr. 23.330). Das vermutlich schon gar nicht mehr im 17. Jahrhundert entstandene Bild verdeutlicht anschaulich, wie nachhaltig Grundtypen der Rembrandt-Werkstatt und -Schule verbreitet und weiterentwickelt wurden. Gleiches gilt für die Kasseler Kopie: Aufgrund ihrer Stilistik und Malweise wird sie nicht zeitgleich mit dem Original, sondern zu einem späteren, schwer zu bestimmenden Zeitpunkt entstanden sein.

Das Kasseler Gemälde erfüllte sicherlich lange die Erwartung an einen typischen Charakterkopf Rembrandts, hier also an das Bildnis eines würdevollen Greises. So nennt Louis Katzenstein 1866 in einem Atemzug einige Bildnisse der Kasseler Galerie – darunter auch diesen Greisenkopf – als Werke, die das „Gepräge von Rembrandt’s Genius“ tragen. Die Erkenntnis, daß dieses Bild lediglich eine Kopie ist, trug sicher zu der Entfernung aus der Galerie ab 1910 bei. Darüber hinaus wurde es bis 1996 nicht mehr in die Kataloge der Galerie aufgenommen.
Hinzu kamen erhebliche technische Schäden. Wie das Inventar von 1749ff. schon erwähnt, wurde das Leinwandgemälde auf eine achteckige Holztafel geklebt. Da das Tuch rechteckig ist, schlug man die überschüssigen Ecken auf die Rückseite der Tafel um. Der starke Leim und die Schrumpfung des Holzträgers werden die Gründe sein, warum die Leinwand an mehreren Stellen senkrechte Falten ausgebildet hat, deren Reflexionen eine Betrachtung des Gemäldes mehr und mehr erschwerten.
Der Grund für die Formatänderung liegt sicher im Bestreben, im Sinne einer symmetrischen und dekorativen Galeriehängung ein Gegenstück zu dem achteckigen Gemälde Büste eines Greises mit Brustkreuz (GK 231) zu schaffen. Es lag nahe, ein thematisch ähnliches Werk desselben Künstlers als Pendant zu suchen. Aus diesem Grund mußte nicht nur die vorhandene Leinwand in die Form des Achtecks gebracht werden, sie wurde auch durch Anstückungen oben und seitlich auf die gleiche Größe gebracht.
Seine Funktion als Gegenstück zum Gemälde Greis mit Brustkreuz bedeutete zugleich aber auch eine Festigung der Autorschaft Rembrandts. War das eine auf Holz gemalte und signierte Werk von ihm, so das ursprünglich auf Leinwand geschaffene „Gegenstück“ auch. Die Vorstellung von Rembrandts Kunst erweiterte sich durch eine solche Pendantbildung, sie bewirkte ein breiter gefächertes „Rembrandt-Bild“. Dies führte zu weiteren Vernetzungen der Bilder untereinander: Das Gemälde Büste eines Greises mit zwei goldenen Ketten weist zum Beispiel eine ähnliche malerische Textur zu dem Bild Sitzender Mann mit Pelzumhang und Stock (GK 253) auf, das ebenfalls nicht signiert ist, dennoch aber – über solche Querverweise – im Inventar von 1749ff. als Werk Rembrandts gelten konnte.


Literatur:
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Cassel 1783, Kat.Nr. 26, S. 8.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 228, S. XXIV-XXXV, 153.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 247.
  • Weber, Gregor J. M. u.a.: Rembrandt-Bilder. Die historische Sammlung der Kasseler Gemäldegalerie. Ausstellungskatalog Staatliche Museen Kassel. München 2006, Kat.Nr. 4, S. 91-93.
  • Justus Lange/Sebastian Dohe/Anne Harmssen: Mene, mene tekel. Das Gastmahl des Belsazar in der niederländischen Kunst. Kassel 2014, S. 51.


Letzte Aktualisierung: 16.09.2016


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