Maria mit Jesus und Johannes, von reuigen Sündern und Heiligen verehrt



Maria mit Jesus und Johannes, von reuigen Sündern und Heiligen verehrt


Inventar Nr.: GK 119
Bezeichnung: Maria mit Jesus und Johannes, von reuigen Sündern und Heiligen verehrt
Künstler: Peter Paul Rubens (1577 - 1640)
Datierung: um 1619
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Leinwand auf Eichenholz
Maße: 63 kg (Gewicht)
um 90 Grad gedreht 223 x 270 x 11,5 cm (Rahmenmaß)
258 x 204 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben durch Wilhelm VIII. 1734 auf der Verst. Willem Six, Amsterdam, oder vor 1749 von einem Zwischenbesitzer


Katalogtext:
Das Altarbild hat in betont gegenreformatorischem Sinn die Rolle der Buße zum Inhalt. Maria mit Jesus und dem sündenlosen Büßer Johannes dem Täufer wird von reuigen Sündern, dem verlorenen Sohn, Maria Magdalena, König David und dem Kirchenvater Augustinus um Fürsprache angerufen. Hinter ihnen wenden sich der Hl. Georg und die Ordensgründer Franziskus und Dominikus der Madonna in Verehrung zu.
Aus stilistischen Gründen und wegen der Verwendung von Porträtzeichnungen von Rubens´ 1614 und 1618 geborenen Söhnen ist eine Entstehung um 1619 anzunehmen. Stifter könnte, wie auch Müller Hofstede annimmt, der mit Rubens befreundete Dominikaner Michiel Ophovius gewesen sein; der Hl. Dominikus hat seine Gesichtszüge, wie sie aus Einzelporträts von Rubens bekannt sind (vgl. Vlieghe 1987, s. GK 92, Nr. 126; Ausst. Kat. Boston/Toledo 1993/94, Nr. 23).
Ophovius, Prior des St. Pauls-Klosters in Antwerpen und Ordensprovinizial für Niederdeutschland, war ein leidenschaftlicher Vorkämpfer der Gegenreformation und wurde 1615 Präfekt der Dominikanermission in den calvinistisch beherrschten Nordprovinzen. Trotz der offensichtlichen Bestimmung für eine Bettelordenskirche ist das Altarblatt 1640 im Nachlaßinventar des Künstlers aufgeführt; bereits damals war die Leinwand auf Holz aufgeklebt. Diese Maßnahme wurde nötig, weil das auf einer stark zusammengestückten Leinwand gemalte Bild wohl nicht lange nach der Vollendung schwere Beschädigungen erlitt. Neben einer durchgehenden senkrechten Knickfalte finden sich mehrere unregelmäßige, lange Schnittspuren mit sehr alten Auskittungen und Retuschen. Unterhalb der Hände des Hl. Augustinus, wo auf zwei zeitgenössischen Kopien (Ermitage St. Petersburg, Inv. Nr. 519; Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Inv. Nr. Gm 357) ein Engel zu sehen ist, wurde ein rechteckiges Stück Leinwand ohne Figur neu eingesetzt. Wahrscheinlich kam das Bild nach Beschädigungen durch einen Unfall oder Kriegseinwirkungen von seinem Bestimmungsort zur Restaurierung in die Rubens-Werkstatt, ohne anschließend zurückgeschickt werden zu können. Der dendrochronologische Befund der aus neun Brettern bestehenden Holztafel unterstützt die Vermutung, daß die bemalte Leinwand frühzeitig aufgezogen wurde (Gutachten Dr. P. Klein, Hamburg, vom 7.7.95: Verwendung der Holztafel bereits ab 1597 denkbar).
Während das Gemälde im Nachlaßinventar als eigenes Werk verzeichnet ist, ist aus dem 18. Jh. eine Zuschreibung an Anton van Dyck überliefert, der zur fraglichen Zeit der bedeutendste Mitarbeiter von Rubens war. Seit dem 19. Jh. ist die Zuweisung des Bildentwurfs an Rubens unbestritten, doch schreiben Bode und Oldenbourg die gesamte Ausführung van Dyck zu. Seine Beteiligung wird heute zurückhaltender beurteilt, aber nur von McNairn gänzlich ausgeschlossen. Wendet man sich dem Detail zu, so sind mehrere Hände unterscheidbar, wenn auch nicht überall abgrenzbar. Im wesentlichen von Rubens selbst dürften die mit heller Palette gemalten Figuren der Frauen und Kinder stammen, einschließlich des Oberteils von Marias Kleid, von van Dyck dagegen die Männerfiguren mit rot-braunem Inkarnat, aber auch Haare und Schleier der Magdalena. Für sein Frühwerk typisch ist die ausdrucksvolle Verschattung der Gesichter und die unregelmäßige, stellenweise rauhe und strähnige Pinselschrift mit starken pastosen Erhebungen. Die meisten Gewandpartien machen den Eindruck anonymer Gehilfenarbeit.


Literatur:
  • Hoet, Gerard: Catalogus of Naamlyst van Schilderyen, mit derzelver Pryzen. Zedert een langen Reeks van Jaaren zoo in Holland als op andere Plaatzen in het Openbaar verkogt. Den Haag 1752, 1770, Kat.Nr. 2, S. 410 (Bd. 1).
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, Kat.Nr. 74, S. 23.
  • Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der Kurfürstlich Hessischen Gemählde-Sammlung. Cassel 1819, Kat.Nr. 159a, S. 27-28.
  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Kassel 1878, Kat.Nr. 187, S. 18-19.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 83, S. 56-57.
  • Voll, Karl: Die Meisterwerke der königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. München 1904.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 119, S. 18.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 119, S. 69.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 119, S. 14.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 119, S. 13.
  • Kieser, Emil: Rubens' Madonna im Blumenkranz. In: Münchner Jahrbich der bildenden Kunst 1, 3. Folge (1950), S. 215-225, S. 222.
  • Puyvelde, Leo van: Rubens. Brüssel/Paris 1952, S. 184.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 119, S. 54, 133.
  • Kuile, Engelbert Hendrik Ter; Gerson, Horst Karl: Art and Architecture in Belgium 1600 to 1800. Harmondsworth 1960, S. 82, 113.
  • Vogel, Hans: 45 Gemälde der Kasseler Galerie. Kassel 1961, S. 20.
  • Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, S. 106.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 18, 82.
  • Lehmann, Jürgen M.; Verein der Freunde der Kasseler Kunstsammlungen, Kassel e. V. (Hrsg.): Gemäldegalerie Alte Meister. Schloß Wilhelmstal. Bildheft mit 100 Meisterwerken. Kassel 1975.
  • Adler, Wolfgang; Herzog, Erich; Lahusen, Friedrich; Lehmann, Jürgen M.: Gemäldegalerie Alte Meister Schloß Wilhelmshöhe. Braunschweig 1981, S. 45.
  • Simson, Otto von: Das letzte Altarbild von Peter Paul Rubens. In: Zeitschrift des deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 37 (1983), S., S. 61-72.
  • Schnackenburg, Bernhard: Flämische Meister in der Kasseler Gemäldegalerie. Kassel 1985, Kat.Nr. 19, S. 30-31, 33.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 15, 111, 262-263.
  • McGrath, Elizabeth: Rubens. Mythological subjects. Achilles to the graces (Vol. two). London 2016, Kat.Nr. 4.
  • Manuth, Volker: Jan Six als Kunstverzamelaar. In: Rembrandt en Jan Six. De ets, de vriendschap. Kat. Museum Het Rembrandthuis, Collectie Six (2017), S., S. 15.


Letzte Aktualisierung: 10.11.2017


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