Tischplatte für Asymus Stedelin



Tischplatte für Asymus Stedelin


Inventar Nr.: GK 22
Bezeichnung: Tischplatte für Asymus Stedelin
Künstler: Martin Schaffner (1477/78 - 1546/49)
Datierung:
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Lindenholz
Maße: 108,5 x 117,5 cm (Objektmaß)
Provenienz:

vermutlich von 1712 bis 1755 im Landgrafenschloss von Wanfried, anschließend im Rotenburger Schloss.

Nach dem Erlöschen der Nebenlinie Hessen-Rotenburg 1834 zunächst im Museum Fridericianum ausgestellt, 1882 in die Gemäldegalerie überführt


Katalogtext:
Das Bildprogramm umfaßt die sieben Planeten, dargestellt im Zentrum als antike Götter auf Wagen und als Symbole, und ihre irdischen Korrespondenzen, die in allegorischen Frauenfiguren mit vielfältigen Attributen vor prachtvollen Landschaftshintergründen vorgestellt und auf Schriftbändern erläutert werden: Farben, Freie Künste, Metalle, Wochentage und Tugenden. Die Einführung bietet der spätantike Philosoph Ptolemäus mit beigefügter Schrifttafel:

Ptolemeus
Ain ieder morck mit vleysz hiebey/Siben farben vnnd Kunsten frey/ Siben Zaichen vnnd Metall/ Siben Tag der wochen all/ Siben Tugenden die seind gut/ Wee dem der dzeit on nutz verthut

Die Texte zu den sieben folgenden Figuren lauten:

Sol
Gelb sich der vberwinder klaidt/ Grammatica all Kunsten laidt/Sonn ist der siben zaichen liecht/Durch Gold man offt den Sontag bricht/Wer rechte tugend woll verstan/Der soll ain gute Hoffnung han

Luna
Weysz ist ain farb on mackel rain//Rhetorik zierlich redt allain/Der Mon das Silber alzeit meert/Montag sein zaichen nit verkeert/Nach allem wissen niemand ringt/Weyl doch der Glaub bschleust alle ding

Mars
Rottfarb in lieb gar hitzig ist/Arithmetric rechent die list/Wie vil Mars Kupfer funde hab/ Uff Zinsztag sich dasselb begab/Die Storcke alles vngluck zwingt/Nach Got und eer allain sie ringt

Mercurius
Graw mag bedeuten Logica/Wan die behulfft sich hie und da/ Unnd webert alls Quecksilber thut/Mercurius die Mittwoch ruwt/Mit warhait wirt es wol geseyt/Das Lieb die Kron der tugend treyt

Jupiter
Blaw ist ain farb steet unuerkeert/Geometry dkunst messens leert/Des Donrstags sich Jupiter frewdt/Im Zin man gwonlich speyß furtret/Wie ichs betracht an alle orrt/Ist Grechtigkait der entlich horrt

Venus
Grien mayenfarb vil frewde bringt/Darnach die Music allweg ringt/den Freytag beut sie alle zeit/Das schwar Blev vns die Venus geyt/ Vil guttes muts wurd noch volbracht/So Willigkait auch wirt bedacht

Saturnus
Schwartz dem laidige wol ansteet/Astronomy das gstirn durchgeet/Hat derhalb den Sambstag beuor/Saturnus fiert die Eysin spor/Wer woll das im sey gluck berait/Der brauch sich der Fursichtigkait

Die Planeten sind in der Reihenfolge der zugehörigen, nach ihnen benannten Wochentage angeordnet. Während die Farben ebenfalls sinnvoll mit den Planeten korrespondieren, ist dies bei den Metallen teilweise nicht der Fall. Unkonventionell ist die Zuordnung des Saturn-Metalls Blei zu Venus, des Venus-Metalls Kuper zu Mars und des Mars-Metalls Eisen zu Saturn. Wirth weist auf andere Zusammenhanglosigkeiten hin, besonders zwischen Farben und artes liberalis, und kommt zu dem radikalen Schluß, das Programm insgesamt sei eine lediglich arithmologische Zusammenstellung, eine Aufzählung von in sich hierarchisch gegliederten Septenaren ohne Begründung eines Kausalzusammenhangs, weshalb ins einzelne gehende Deutungsversuche sinnlos seien. Demgegenüber postulieren die Verse ausdrücklich Sinnzusammenhänge. Vermutlich stammt das Bildprogramm von einem mehr an der Visualisierung als an der philosophisch-astrologischen Schlüssigkeit interessierter Verfasser, vielleicht war Schaffner selbst daran beteiligt. * Auftraggeber ist vermutlich der Straßburger Goldschmied Eraßmus Stedelin. Nach einer nicht mehr nachweisbaren archivarischen Quelle, auf die A. von Drach Ende 19. Jh. hinwies, wurden 1712 dem Posthalter Jacob Uckermann zu Wanfried für einen gemalten Tisch und eine Statue von Elfenbein 250 Rth. ausgezahlt. Landgraf Wilhelm von Hessen-Rotenburg, der seit 1711 in Wanfried residierte, war zuvor Domherr zu Straßburg, dem Ort des Auftraggebers der Schaffnerplatte.


Literatur:
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 13, S. 8-15.
  • Pückler-Limpurg, Siegfried Graf: Martin Schaffner. Straßburg 1899, Kat.Nr. 43, S. 71-73.
  • Voll, Karl: Die Meisterwerke der königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. München 1904.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 22, S. 61.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 22, S. 72.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, S. 3.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, S. 44-45.
  • Grote, Ludwig: Aufgang der Neuzeit. Deutsche Kunst und Kultur von Dürers Tod bis zum Dreißigjährigen Kriege 1530-1650. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Ausstellung 15.7.1952 - 15.10.1952. Nürnberg 1952, Kat.Nr. L 2, S. 86.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 22, S. 139.
  • Vogel, Hans: 45 Gemälde der Kasseler Galerie. Kassel 1961, S. 78.
  • Forschung und Technik in der Kunst. Kunstverein Ludwigshafen am Rhein e. V., Bürgermeister-Ludwig-Reichert-Haus. Ausstellung 1.4.1965 - 31.5.1965. Ludwigshafen am Rhein 1965, Kat.Nr. 2.
  • Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, Kat.Nr. 3, S. 100, 159.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 12, 78.
  • Lehmann, Jürgen M.; Verein der Freunde der Kasseler Kunstsammlungen, Kassel e. V. (Hrsg.): Gemäldegalerie Alte Meister. Schloß Wilhelmstal. Bildheft mit 100 Meisterwerken. Kassel 1975.
  • Staedel, Wilhelm: Anmerkungen zu zwei Bildertischen. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums (1977), S. 78-81, S. 80-81.
  • Adler, Wolfgang; Herzog, Erich; Lahusen, Friedrich; Lehmann, Jürgen M.: Gemäldegalerie Alte Meister Schloß Wilhelmshöhe. Braunschweig 1981, S. 23-24.
  • Schneckenburger-Broschek, Anja: Die altdeutsche Malerei. Kassel, Staatliche Kunstsammlungen Kassel 1982, S. 10, 13, 48, 50-51, 67-68.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 271-272.
  • Schneckenburger-Broschek, Anja: Altdeutsche Malerei. Die Tafelbilder und Altäre des 14. bis 16. Jahrhunderts in der Gemäldegalerie Alte Meister und im Hessischen Landesmuseum Kassel. Kassel, Staatliche Kunstsammlungen Kassel 1997, S. 231-261.
  • Lange, Justus: Die Erfindung der Welt. Martin Schaffners bemalte Tischplatte von 1533. Ausstellungskatalog der Staatlichen Museen Kassel. Kassel 2002.
  • Dixon, Laurinda S.: The dark side of genius.The melancholic persona in Art, ca. 1500-1700. Pennsylvania 2013, S. 20-22.
  • Lange, Justus: „Ain ieder moerck mit vleysz hiebey“. Genremotive auf bemalten Tischplatten als pädagogisches Instrument, in: Peiraikos' Erben. Die Genese der Genremalerei bis 1550, hrsg. von Birgit Ulrike Münch und Jürgen Müller, Wiesbaden 2015, S. 313–333. 2015.
  • Kremb, Jens: Bemalte Tischplatten des Spätmittelalters. Köln 2016, Kat.Nr. 58, S. 109f.
  • Teichmann, Jürgen: Der Geheimcode der Sterne. Eine neue Landschaft des Hillems und die Geburt der Astrophysik. München 2016, Kat.Nr. 5, S. 15f.


Letzte Aktualisierung: 17.08.2016


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