Die schaumgeborene Venus wird von Amor gepflegt (Gegenstück zu GK 307)



Die schaumgeborene Venus wird von Amor gepflegt (Gegenstück zu GK 307)


Inventar Nr.: GK 306
Bezeichnung: Die schaumgeborene Venus wird von Amor gepflegt (Gegenstück zu GK 307)
Künstler: Godfried Schalcken (1643 - 1706)
Datierung: 1690
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 78,7 x 62,5 x 6,8 cm mit RSS (Rahmenmaß)
70,5 x 54 cm (Bildmaß)
Provenienz:

1751 erworben auf der Versteigerung der Sammlung des Grafen Hogendorp in Den Haag durch G. Hoet für Wilhelm VIII.


Katalogtext:
Die beiden Pendants (GK 306 und 307) stellen entscheidende Szenen aus dem Leben der Liebesgöttin Venus dar. Das erste zeigt die Tochter des Jupiter und der Dione, die aus dem Schaum des Meeres geboren und auf der Insel Zypern von Amor, ihrem zukünftigen treuen Begleiter, begrüßt wird. Das Gegenstück stellt sie dar, als sie Amor den brennenden Pfeil überreicht. Der rückseitigen Beschriftung zufolge entstanden die Gemälde 1690. Als Landgraf Wilhelm VIII. Schalckens Gemäldepaar über den Kunsthändler Gerard Hoet in Den Haag erwarb, berichtete er umgehend am 10. August 1751 seinem Vertrauten Baron von Häckel in Frankfurt von dem Ankauf: „Das eine stellet den Tag und das andere die Nacht vor; in dem ersten fället ein durchbrechender Sonnenstrahl, mit ungemeiner Expression auf die Schulter und Stirne eines sehr wohlgemachten nackenden Weibsbilds, und in dem andern ist auf dergleichen arth der Schein einer brennenden Fackel vorgestellet, doch ist das erste noch besser als das letztere.“ Bereits auf der Versteigerung der Sammlung Graaf van Hogendorp wurde das Gemäldepaar unter dem Titel Tag und Nacht geführt. Wenngleich die Zeitgenossen selbstverständlich die zugrunde liegende mythologische Geschichte der Venus sofort erkannten, so waren ihnen doch der Umstand der unterschiedlichen Tageszeiten und die meisterhafte Behhandlung der Lichtphänomene durch Schalcken wichtiger. Auch aus anderen Quellen erfahren wir, dass der Künstler aufgrund seiner Wiedergabe von Lichteffekten besonders in Nachtstücken sehr beliebt war. So erwarb Großherzog Cosimo III. von Florenz 1695 ein Selbstbildnis des Künstlers für seine Bildnisgalerie aufgrund der Empfehlung seines Agenten explizit als Nachtstück.

In den Kasseler Pendants, „van zyn alderbeste tyd 1690“, wie es im Versteigerungskatalog 1751 hieß, führt Schalcken seine differenzierte Lichtbehandlung exemplarisch vor. Auf dem Gemälde mit der aus dem Schaum geborenen Venus treffen zwei helle Sonnenstrahlen aus einem dunklen Wolkenhimmel auf Stirn und Schulter der Göttin und erzeugen neben dem erotischen Reiz einen hell aufleuchtenden Lichtreflex, wobei das gesamte Bild ansonsten von links oben seine Beleuchtung erhält. Das Pendant verbindet ebenfalls verschiedene Lichtquellen. Ihr rechter Arm und das linke Bein sind von vorne angestrahlt, wodurch sie hell aufleuchten. Der Rest des Körpers wird in ein rötlich warmes Licht getaucht, das einerseits von der Fackel herzurühren scheint, andererseits vielleicht auf den Sonnenuntergang im Hintergrund verweisen soll. Schon Karel van Mander hatte 1604 bemerkt: „Beim Sonnenuntergang sieht man verschiedene Dinge viel röter gefärbt erscheinen, so der Erdboden, die Steine, die Ziegel, wie gleichfalls auch das Gesicht des Menschen, und wenn die Strahlen der Sonne dahin gelangen oder nur einen schönen Abglanz geben, so erhalten sie sofort eine leuchtend rote, feurige und glühende Farbe.“

Der britische Graphiker George Vertue (1684-1756) rügte jedoch die Effekthascherei Schalckens und notierte über ihn ironisch: „a great master, if tricks in an art, or the mob, could decide on merit.” Dennoch lieferte er in seinen Notizbüchern eine anschauliche Beschreibung der Arbeitsweise des Künstlers: „He placed the object and a candle in a dark room, and, looking through a small hole, painted by day-light what he saw in the dark chamber.”

Schalckens Werk kann vor Augen führen, wie klassizistische Künstler auf die Neuerungen der Caravaggisten reagierten. Die auf die Spitze getriebene Beleuchtung der Nachfolger Caravaggios, die zuweilen die Farbe der Werke hinter den Effekt zurücktreten lässt, wandelt sich in eine buntfarbigere Behandlung. Einher geht eine solche Abminderung der luministischen Effekte mit einem veränderten Pinselduktus. Finden sich in den Werken der Utrechter Caravaggisten bisweilen pastose Farbaufträge, so bevorzugt Schalcken porzellanhaft fein vertriebene Oberflächen.
(J. Lange, 2011)


Literatur:
  • Hoet, Gerard: Catalogus of Naamlyst van Schilderyen, mit derzelver Pryzen. Zedert een langen Reeks van Jaaren zoo in Holland als op andere Plaatzen in het Openbaar verkogt. Den Haag 1752, 1770, Kat.Nr. 7, S. 299 (Bd. 2).
  • Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, Kat.Nr. 64, S. 54.
  • Aubel, L.; Eisenmann, Oscar: Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder. 2. Aufl. Kassel 1878, Kat.Nr. 614, S. 59.
  • Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, Kat.Nr. 279, S. LXI, 183-184.
  • Gronau, Georg: Katalog der Könglichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, Kat.Nr. 306, S. 61.
  • Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, Kat.Nr. 306, S. 72.
  • Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, Kat.Nr. 306, S. 27.
  • Voigt, Franz: Die Gemäldegalerie Kassel. Führer durch die Kasseler Galerie. Kassel 1938, Kat.Nr. 306, S. 69.
  • Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, Kat.Nr. 306, S. 140.
  • Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, S. 121.
  • Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 33.
  • Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 16, 281.
  • Neumeister, Mirjam: Das Nachtstück mit Kunstlicht in der niederländischen Malerei und Grafik des 16. und 17. Jahrhunderts. Ikonographische und Koloristische Aspekte. Univ. Diss. Bonn 1999. Petersberg 2003, Kat.Nr. 306, S. 349.
  • Ekkehard Mai u.a.: Vom Adel der Malerei. Holland um 1700. Köln 2007, Kat.Nr. 73, S. 258-259.
  • Lange, Justus u.a.: Lichtgefüge. Das Licht im Zeitalter von Rembrandt und Vermeer. Petersberg 2011, Kat.Nr. 9, S. 50-52.
  • Sevcik, Anja K. [Hrsg.]: Schalcken. Gemalte Verführung. Stuttgart 2015, S. 261.
  • Vries, Lyckle de: Stories in Gilded Frames. Dutch seventeenth-century paintings with biblical and mythological subjects. Amsterdam 2016, Kat.Nr. 92, S. 192.
  • Lange, Justus: With Profound Expression. Landgrave Wilhelm VIII of Hessen-Kassel and His Appreciation for Schalcken’s Work, in: Wallraf-Richartz-Jahrbuch. Jahrbuch für Kunstgeschichte, Band LXXVII, 2016, S. 205–220. 2016.


Letzte Aktualisierung: 26.02.2018


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