Die Zeit raubt die Schönheit (Gegenstück zu GK 597)
Die Zeit raubt die Schönheit (Gegenstück zu GK 597)
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| Inventar Nr.:
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GK 596 |
| Bezeichnung:
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Die Zeit raubt die Schönheit (Gegenstück zu GK 597) |
| Künstler:
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Giovanni Domenico Cerrini (1609 - 1681), Maler/in
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| Datierung:
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1670 - 1680 |
| Geogr. Bezug:
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| Material / Technik:
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Öl |
| Maße:
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126 x 169 cm (Bildmaß)
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| Provenienz: | erworben 1751 durch Wilhelm VIII. von Gerhard Morell. |
Katalogtext:
Bestimmt durch drei Figuren in einer Landschaft stellt Cerrini die Bedrohung der Schönheit durch die Zeit in Person des Chronos dar. Die Schönheit, die am Toilettentisch sitzt und mithilfe einer Dienerin ihre Frisur richtet, blickt die Betrachtenden direkt an. Ihre Erscheinung rezipiert zum einen die Bildnisse der Belle Donne im Allgemeinen, lässt aber auch Einflüsse der weiblichen Figuren Botticellis erkennen, die Cerrini nicht zuletzt während seiner Aufenthalte in Florenz 1656 bis 1657 sowie 1661 sicherlich studieren konnte.
Chronos wendet sich aus ebenfalls dem Bild heraus. In seiner linken Hand hält er ein Stundenglas und weist mit seiner linken Hand auf die junge Frau. Der Moment verliert durch die ruhigen Gesten und die Unbeschwertheit der Frauen seine Bedrohlichkeit. In einer anderen Variante des Motivs im Museo Nacional del Prado (Inv.-Nr. P000097) erscheint die Zeit als konkret körperlicher Angreifer und reißt die am Boden kniende Frauenfigur wüst an den Haaren. Im Kasseler Bild ist es eher die Ankündigung eines schleichenden Prozesses, der zur Reflektion einlädt und weniger ermahnend wirkt. In einer IRR-Untersuchung konnten zwischen den Figuren der Zeit und der Schönheit mit einer Sense und einem Skelett weitere Details entdeckt werden, die heute übermalt sind. Der fehlende symbolische Tod nimmt die Drastik der Szene deutlich zurück.
Das Gemälde wurde zusammen mit einer Darstellung der Zeit, welche die Wahrheit enthüllt, 1751 durch Gerard Morell für Wilhelm VIII. in Paris erworben. Wie im Inventar von 1749 unter den Einträgen der Nummern 542 und 543 ersichtlich wird, galten sie zum Erwerbungszeitpunkt als Arbeiten des Neapolitanischen Künstlers Francesco Solimenas. Darauffolgende Inventare und Kataloge übernahmen diese Angabe, bis schließlich 1888 Oscar Eisenmann diese Zuschreibung bezweifelte. Folgende Autoren von Gronau (1936) bis Pigler (1956) teilten die Zweifel, Vogel entschied sich 1958 schließlich für eine generelle Zuordnung als „Römischer oder Bolognesischer Meister des 17. Jahrhunderts“. Jürgen Lehmann schlug schließlich 1980 anhand anderer Cerrini zugeschriebener Werke denselben als Autor der Kasseler Allegorien vor. Stilistische Vergleiche lassen diese Zuschreibung auch heute noch plausibel erscheinen.
(M. Rotter Lechanu, 2026)
Inventare:
- Catalogue des Tablaux. Kassel 1749, S. 52, Nr. 542.
Literatur:
- Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, S. 89, Kat.Nr. 16.
- Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der kurfürstlich hessischen Gemälde-Sammlung. Kassel 1819, S. 99, Kat.Nr. 602.
- Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Kassel 1830, S. 117, Kat.Nr. 702.
- Auszug aus dem Verzeichnisse der Kurfürstlichen Gemälde-Sammlung. Kassel 1845, S. 70, Kat.Nr. 702.
- Parthey, Gustav: Deutscher Bildersaal. Verzeichnis der in Deutschland vorhandenen Ölbilder verstorbener Maler aller Schulen. Berlin 1863/64, S. 567 (Bd. 2), Kat.Nr. 41.
- Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, S. LIX, 341-342, Kat.Nr. 557.
- Gronau, Georg: Katalog der Königlichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, S. 64, Kat.Nr. 596.
- Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, S. 75, Kat.Nr. 596.
- Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, S. 46, Kat.Nr. 596.
- Pigler, Andor: Barockthemen. Eine Auswahl von Verzeichnissen zur Ikonographie des 17. und 18. Jahrhunderts. 3 Bde. (Bd.1 Darstellungen religiösen Inhalts, Bd. 2 Profane Darstellungen, Bd. 3 Tafelband). Budapest - Berlin 1956, S. 503.
- Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, S. 125, Abbildung S. 125 Taf. 596, Kat.Nr. 596.
- Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, S. 116.
- Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 28.
- Lehmann, Jürgen M.: Staatliche Kunstsammlungen Kassel. Katalog 1. Italienische, französische und spanische Gemälde des 16.-18. Jahrhunderts. Fridingen 1980, S. 94-95, Abbildung S. 94.
- Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 80, Abbildung S. Taf. 317 (Bd. II).
- Mancini, Francesco Federico: Gian Domenico Cerrini. Il Cavalier Perugino tra classicismo e barocco. Ausstellungskatalog Perugia, Palazzo Baldeschi al Corso. Cinisello Balsamo 2005, S. 259, Abbildung S. 259, Kat.Nr. 13.
- Pulini, Massimo: Ginevra Cantofoli. La nuova nascita di una pittrice nella Bologna del Seicento. Bologna 2006, S. 35, Abbildung S. 35.
Letzte Aktualisierung: 29.01.2026