Die Zeit enthüllt die Wahrheit (Gegenstück zu GK 596)
Die Zeit enthüllt die Wahrheit (Gegenstück zu GK 596)
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| Inventar Nr.:
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GK 597 |
| Bezeichnung:
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Die Zeit enthüllt die Wahrheit (Gegenstück zu GK 596) |
| Künstler:
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Giovanni Domenico Cerrini (1609 - 1681), Maler/in
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| Datierung:
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1670 - 1680 |
| Geogr. Bezug:
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| Material / Technik:
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Öl |
| Maße:
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128 x 171 cm (Bildmaß) 150 x 195 x 9 cm (Objektmaß)
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| Provenienz: | erworben 1751 durch Wilhelm VIII. von Gerhard Morell. |
Katalogtext:
In einer begrünten Landschaft befinden sich vier Figuren, von denen zwei die Szene bestimmen und die weiteren beiden in die untere rechte Ecke gedrängt werden. Am stärksten stich die weibliche Figur, platziert auf einem Felsen, aufgrund ihres weißen Gewandes und des hellen Inkarnats heraus. Das geöffnete Buch, der Palmwedel sowie ein Tempel im Hintergrund zeichnen sie als Personifikation der Wahrheit aus, die auch in Ripas Iconologia vorgestellt. Ein dunkler graublauer Schleier wird gerade in einer schwungvollen Bewegung von ihr genommen, die von Chronos ausgeht. Etwas scheu wendet sich die Wahrheit in die entgegengesetzte Richtung, als sei sie noch nicht bereit „ans Licht“ gebracht zu werden. Entgegen seines muskulösen Oberkörpers, der durch einen Riemen der Kleidung und seine Arme verdeckt wird, ist sein Gesicht von Falten an Augen und Stirn durchzogen, sein langer Bart ist weiß, ebenso seine schüttere Kopfbehaarung. Beinahe im Dunkeln verschwinden zwei Figuren in der rechten unteren Bildecke: Die linke von ihnen, die einer alten Frau ähnelt, mit einem ängstlichen, zerfurchten Gesicht und strähnigen schwarzen Haare beißt sich auf ihre Hände, wodurch ihre verhältnismäßig großen und dunkel verfärbten Zähne sichtbar werden. Ihr zur Seite gestellt ist eine ebenfalls dunkelhaarige Person mit Eselsohren, die weniger expressiv, sondern eher dümmlich in Richtung des Geschehens blickt und die Einfalt darstellt.
Seit dem 16. Jahrhundert erfreute sich das Motiv der Wahrheitsenthüllung an Beliebtheit, wie nicht zuletzt eine beeindruckende, wenngleich unvollendete Skulptur Gian Lorenzo Berninis zeigt, die sich heute in der Galleria Borghese in Rom befindet (Inv.-Nr. CCLXXVIII).
Im Ausstellungskatalog des Palazzo Barberini in Rom (2021) wird das Gemälde in Verbindung gebracht mit einer 1666 von Cerrini angefertigten Darstellung „il Tempo scuopere la Verità“, die er für Tommaso Fantacci nach Florenz schickte. Das Motiv nehme Bezug auf die Verhöhnung Cerrinis nach der Fertigstellung seines Kuppelfreskos in Santa Maria della Vittoria. Die Neider und Einfältigen würden mit der Zeit von der Wahrheit – sprich der Qualität seiner Malerei – überzeugt werden.
Das Gemälde wurde zusammen mit einer Darstellung der Zeit, welche die Schönheit raubt, 1751 durch Gerard Morell für Wilhelm VIII. in Paris erworben. Wie im Inventar von 1749 unter den Einträgen der Nummern 542 und 543 ersichtlich wird, galten sie zum Erwerbungszeitpunkt als Arbeiten des Neapolitanischen Künstlers Francesco Solimenas. Darauffolgende Inventare und Kataloge übernahmen diese Angabe, bis schließlich 1888 Oscar Eisenmann diese Zuschreibung bezweifelte. Folgende Autoren von Gronau (1936) bis Pigler (1956) teilten die Zweifel, Vogel entschied sich 1958 schließlich für eine generelle Zuordnung als „Römischer oder Bolognesischer Meister des 17. Jahrhunderts“. Jürgen Lehmann schlug schließlich 1980 anhand anderer Cerrini zugeschriebener Werke denselben als Autor der Kasseler Allegorien vor. Stilistische Vergleiche lassen diese Zuschreibung auch heute noch plausibel erscheinen.
(M. Rotter Lechanu, 2026)
Inventare:
- Catalogue des Tablaux. Kassel 1749, S. 52, Nr. 543.
Literatur:
- Causid, Simon: Verzeichnis der Hochfürstlich-Heßischen Gemälde-Sammlung in Cassel. Kassel 1783, S. 89, Kat.Nr. 17.
- Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Versuch eines Verzeichnisses der kurfürstlich hessischen Gemälde-Sammlung. Kassel 1819, S. 99, Kat.Nr. 603.
- Robert, Ernst Friedrich Ferdinand: Verzeichniß der Kurfürstlichen Gemählde-Sammlung. Kassel 1830, S. 117, Kat.Nr. 703.
- Auszug aus dem Verzeichnisse der Kurfürstlichen Gemälde-Sammlung. Kassel 1845, S. 70, Kat.Nr. 703.
- Parthey, Gustav: Deutscher Bildersaal. Verzeichnis der in Deutschland vorhandenen Ölbilder verstorbener Maler aller Schulen. Berlin 1863/64, S. 567 (Bd. 2), Kat.Nr. 42.
- Eisenmann, Oscar: Katalog der Königlichen Gemälde-Galerie zu Cassel. Nachtrag von C. A. von Drach. Kassel 1888, S. LIX, 342, Kat.Nr. 558.
- Gronau, Georg: Katalog der Königlichen Gemäldegalerie zu Cassel. Berlin 1913, S. 64, Kat.Nr. 597.
- Gronau, Georg; Luthmer, Kurt: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. 2. Aufl. Berlin 1929, S. 75, Kat.Nr. 597.
- Luthmer, Kurt: Staatliche Gemäldegalerie zu Kassel. Kurzes Verzeichnis der Gemälde. 34. Aufl. Kassel 1934, S. 46, Kat.Nr. 597.
- Pigler, Andor: Barockthemen. Eine Auswahl von Verzeichnissen zur Ikonographie des 17. und 18. Jahrhunderts. 3 Bde. (Bd.1 Darstellungen religiösen Inhalts, Bd. 2 Profane Darstellungen, Bd. 3 Tafelband). Budapest - Berlin 1956, S. 504, Abbildung S. 505.
- Vogel, Hans: Katalog der Staatlichen Gemäldegalerie zu Kassel. Kassel 1958, S. 125, Kat.Nr. 597.
- Bott, Gerhard; Gronau, Georg; Herzog, Erich; Weiler, Clemens: Meisterwerke hessischer Museen. Die Gemäldegalerien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Hanau 1967, S. 116.
- Herzog, Erich: Die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Geschichte der Galerie von Georg Gronau und Erich Herzog. Hanau 1969, S. 28.
- Lehmann, Jürgen M.: Staatliche Kunstsammlungen Kassel. Katalog 1. Italienische, französische und spanische Gemälde des 16.-18. Jahrhunderts. Fridingen 1980, S. 94-95, Abbildung S. 95.
- Schnackenburg, Bernhard: Gemäldegalerie Alte Meister Gesamtkatalog. Staatliche Museen Kassel. 2 Bde. Mainz 1996, S. 80, Abbildung S. Taf. 317 (Bd. II).
- Mancini, Francesco Federico: Gian Domenico Cerrini. Il Cavalier Perugino tra classicismo e barocco. Ausstellungskatalog Perugia, Palazzo Baldeschi al Corso. Cinisello Balsamo 2005, S. 259, Abbildung S. 259, Kat.Nr. 14.
- Cappelletti, Francesca [Hrsg.]: Tempo Barocco. Rom Palazzo Barberini 15.05.-03.10.2021. Rom 2021, S. 70, Abbildung S. 71.
Letzte Aktualisierung: 28.01.2026