Der Satyr beim Bauern



Der Satyr beim Bauern


Inventar Nr.: GK 101
Bezeichnung: Der Satyr beim Bauern
Künstler: Jacob Jordaens (1593 - 1678), Maler/in
Datierung: um 1620
Geogr. Bezug:
Material / Technik: Öl
Maße: 194 x 215 x 10 cm mit Rahmen (Objektmaß)
171 x 193,5 cm (Bildmaß)
Provenienz:

erworben vor 1749 durch Wilhelm VIII.


Katalogtext:
Wie auf einer Bühne, dicht an den Bildrand herangeführt, sieht man eine Bauernfamilie um einen Tisch versammelt, an dessen rechtem Rand ein Satyr sitzt. Während der Bauer gerade einen Löffel Suppe zum Mund führt und diese durch Pusten abkühlt, ist der Satyr gerade im Begriff aufzustehen, da er die Aktion des Kühlens durch Blasen nicht versteht. Kurz vorher hatte der Bauer auf dem Feld noch durch Pusten seine Hände erwärmen wollen. Diese doppeldeutige Aktion verunsichert den Satyr zutiefst. Im nächsten Moment wird er fluchtartig das Geschehen verlassen. Jordaens stellte das Thema aus der Fabel von Äsop wiederholt dar, erstmals vielleicht in einem heute in Glasgow befindlichen Gemälde, das um 1615 entstanden sein dürfte. Das Kasseler Gemälde wird zu Beginn der 1620er Jahre datiert und zeigt besonders in der Gestalt des sitzenden Bauern mit den nach vorne gestreckten Beinen deutlich Inspiration durch caravaggeske Malerei. Für die bildparallele Komposition um einen Tisch orientierte sich Jordaens vielleicht an einem Stich von Willem Isaacsz. van Swanenburg nach Rubens’ „Mahl in Emmaus“, der 1611 erschien. Insbesondere die Figur des erschreckt aufstehenden Satyr findet in dem rechten Jünger seine Entsprechung. Trotz dieser formalen Ähnlichkeiten zeigt Jordaens in seinem Gemälde eine große Selbständigkeit. Im Unterschied zu den meisten anderen Fassungen des Themas, konzentriert er sich hier auf den Dialog zwischen dem Satyr und dem Bauern. In den späteren Versionen wendet sich der Satyr gestikulierend häufig an den Betrachter, um ihm die moralisierende Bedeutung deutlich vor Augen zu führen: dem Menschen ist in seiner Doppelzüngigkeit nicht zu trauen.
Infrarot- und Röntgenaufnahmen des Gemäldes, die 2012 angefertigt wurden, brachten neue Erkenntnisse zur Entstehung des Werks hervor. Unter der heutigen Malerei befindet sich eine hockende nackte Frau, die der Susanna in dem Gemälde „Susanna und die beiden Alten“ in Verona, Museo Civico gleicht. Jordaens verwendete also eine Leinwand wieder. Das Gemälde in Verona wird gewöhnlich um 1640 datiert und der Werkstatt des Künstlers zugewiesen. Durch die Entdeckung der nahezu identischen Figur unter dem Kasseler Gemälde muss die Bilderfindung jedoch in die frühen 1620er Jahre datiert werden. Das Gemälde in Verona wäre demnach eine späte Wiederholung einer wesentlich älteren Version. Die Infrarotaufnahme wiederum machte eine zweite Veränderung sichtbar. Zwischen dem Satyr und dem stehenden Bauern mit der blauen Fischermütze befand sich eine weitere Figur, die frontal zum Betrachter schaut. Im Verlauf des Malprozesses übermalte sie jedoch Jordaens wieder. Als schwacher Schatten ist sie noch heute in der Schattenfläche zu erkennen.
Allerdings auch nach der Vollendung war das Gemälde weiteren Veränderungen ausgeliefert. Als Landgraf Wilhelm das Werk erwarb, war es offensichtlich zu einem Hochrechteck erweitert worden und befand sich mit drei weiteren Gemälden gleichen Formats von Jordaens im Festsaal des Kasseler Bellevueschlosses in eine aufwendig gestaltete Wanddekorationen eingefügt. Nachdem es 1806 zusammen mit zahlreichen anderen Werken der Kasseler Galerie nach Paris abtransportiert worden war, erhielt es durch Abnahme der Erweiterungen ein Querformat, das es nach seiner Rückkehr 1815 nach Kassel beibehielt.
Das Kasseler Gemälde zeigt damit exemplarisch, wie einerseits Jordaens seine Werke häufig überarbeitete und ergänzte, andererseits aber auch nach seinem Tod diese zum Teil erheblich verändert wurden.
(J. Lange, 2013)


Literatur:
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  • Dohe, Sebastian; Guratzsch, Herwig; Lange, Justus: 'Die holländischen Bilder hab ich freilich gern'. Wilhelm Busch und die Alten Meister. Kassel 2013, S. 112.


Letzte Aktualisierung: 13.11.2019


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